(c) picturealliance_dpa

Paulo Coelho: Der Autor und die Weltenseele

  • 09.07.19 15:17
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

London, New York, Moskau, Tokio, Sydney, Buenos Aires – es gibt nur wenige Schriftsteller im 21. Jahrhundert, die mehr Länder bereisen als Paulo Coelho. Nicht etwa, um sich die Metropolen dieser Welt als Tourist anzusehen, immer in den exklusivsten Hotels wohnend, sondern um zu lesen, tausende Autogramme zu geben – kurz: Um mal wieder einen seiner Bestseller persönlich vorzustellen. Mittlerweile landet fast jedes seiner Bücher auf dem ersten Platz der begehrten Listen. Paulo Coelhos Weg dorthin ist jedoch so ungewöhnlich und schicksalhaft, dass er, wenn er gerade mal nicht reist und mit seiner Frau Christina in einem seiner Häuser in Frankreich – mit Blick auf die Pyrenäen - sitzt, manches Kapitel seines Lebens in der Retrospektive selbst kaum glauben kann.

1. Kapitel: Geburt

Es war der Tag des heiligen Bartholomäus, genau der 24. August 1947, als in einem der wohlhabenderen Viertel der brasilianischen Millionenstadt Rio de Janeiro Lygia Araripe Coelho de Souza ihr erstes Kind zur Welt bringt. Das von den Großeltern lang ersehnte erste Enkelkind hat allerdings einen schweren Start ins Leben. Zuerst glauben die Ärzte gar an eine Totgeburt, weil es sich bereits im Mutterleib nicht mehr bewegt hatte und auch nachdem es die Ärzte mit der Zange holen mussten, keine Lebenszeichen von sich gab. Aber der kleine Paulo Coelho de Souza ist nicht tot, sondern liegt im Koma, aus dem er kurze Zeit später erwacht. Nach drei kritischen Tagen im Brutkasten, ständig bewacht von seinem Vater, ist Paulo über den Berg. Ein gesunder Junge mit den „Idealmaßen“: 3330 Gramm schwer und 49 Zentimeter groß.

2. Kapitel: Kindheit

In einem Reihenhaus, gesichert durch eine Hohe Pforte wächst Paulo in einer gläubigen, katholischen Familie heran und verlebt eine weitgehend sorgenfreie, fröhliche Kindheit. Und wird kulturell früh geprägt. Sein Vater hört klassische Musik, seine Mutter spielt selbst Klavier, am liebsten Werke von Bach oder Tschaikowsky. Außerdem ist das Haus der Coelhos ein Haus voller Bücher. Paulo wird so ziemlich alle davon bis zu seinem 16. Lebensjahr lesen. Als Kopf einer Kinderbande, einer, wie er selbst sagt, „Geheimorganisation namens Arco“ ist der siebenjährige Paulo bereits früh der Schrecken aller anderen Kinder im Viertel, vor allem der Mädchen, die auch schon mal gefesselt werden, nur weil sie die mit Kreide gezogene Linie des „Arco-Reiches“ überschritten hatten. Als Paulo Eltern mitbekommen, dass ihr Sohn hinter den Streichen steckt, beschließen sie, ihn auf die Jesuitenschule zu schicken, die für ihre Disziplin und Härte bekannt ist. Von nun an beginnt das Martyrium Schule für Paulo Coelhos.

3. Kapitel: Schule

Eigentlich soll Paulo wie sein Vater, Pedro Queima Coelho de Souza, Ingenieur werden. Grundvoraussetzung dafür: Gute Schulnoten. Aber bereits in der Grundschule hapert es damit. Paulo interessiert die Schule nicht die Bohne, mehr noch. „Er hasste ausnahmslos alle Schulfächer“, berichtet sein Biograph Fernando Morais. Im Alter von sieben Jahren schreibt er seinem Vater: „Lieber Papa, jetzt muss ich in Zukunft jeden Abend mit Dir lernen, weil ich in Mathe nur einen Punkt bekommen habe. Dabei bin ich sonst überall besser geworden. In Religion habe ich einen Sprung von null auf sechs gemacht, in Portugiesisch von null auf sechseinhalb. Und insgesamt bin ich in der Klasse vom 25. auf den 16. Platz aufgerückt. Hochachtungsvoll, Paulo.“ Um diese Zahlen einordnen zu können, muss man wissen, dass die beste Note im Schulsystem Brasiliens eine 10 ist und nur 25 Schüler in Paulo Coelhos Klasse waren! Warum ihm die Schule auch in den kommenden Jahren nie Spaß, sondern nur Probleme bereiten wird, kann er heute selbst nicht mehr ganz nachvollziehen. Und es ist in der Tat erstaunlich, denn an mangelnder Intelligenz liegt es zweifelsfrei nicht. Bereits als Kind liest Paulo Coelho wie ein Besessener und früh schreibt er Tagebuch. Weit über 200 hat er mittlerweile mit Erinnerungen gefüllt.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der AdventsZeit 2019.

Zur AdventsZeit 2019 »