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Paulo Coelho: Der Jakobusweg und die „Erscheinung“

  • 09.07.19 15:47
  • Martin Mölder
  •   Kultur und Kirche

8. Kapitel: Die wilden 1968er

Paulo Coelho hat in den Jahren 1967 bis 1974 so ziemlich alles mitgenommen, um sämtliche Klischees der 68er-Generation zu erfüllen. Er konsumierte alle möglichen Drogen, von Marihuana über Haschisch bis Kokain, er lief ungepflegt als Hippie durch die Welt, proklamierte die „Alternative Gesellschaft“ und war auch schon mal mit zwei Frauen gleichzeitig im Bett. Zwei Erfahrungen seines Lebens unterscheiden ihn jedoch von den meisten seiner Hippie-Kollegen. Er wurde – zu Unrecht - vom Geheimdienst der brasilianischen Militärjunta verhaftet und gefoltert und er war, wenn auch nur ein paar Monate, Mitglied in einer Organisation von Satanisten. Nachdem er, wie er nach wie vor glaubt, aber die Hölle selbst sieht und dieses Mal selbst Hilfe in der Psychiatrie aufsucht, die ihn bereits zweimal zuvor behandelt hatte, tritt er mit einem offiziellen Kündigungsschreiben aus der Organisation aus. In dieser Zeit macht er auch die Bekanntschaft mit dem Musiker Raul Seixas, der ihn bittet für ihn als Songtexter zu arbeiten. Das Duo wird zu einem der erfolgreichsten der brasilianischen Rockszene des 20. Jahrhunderts und Paulo Coelho steigt zum Manager der Plattenfirma auf. Obwohl er sein Leben lang davon träumt, ein weltweit geachteter und bekannter Schriftsteller zu werden, beginnt die Verwirklichung dieses Traums erst am 23. Februar 1982, im Alter von 34 Jahren.

9. Kapitel: Jean und Jakobus

Auf einer Reise durch Europa besucht Paulo Coelho mit seiner zweiten Frau Christina Oiticica auch das ehemalige Konzentrationslager Dachau bei München. Zutiefst bewegt hat er dort eine „Erscheinung“, die ihm ein Treffen in zwei Monaten voraussagt. Und tatsächlich sitzt ihm diese Erscheinung zwei Monate in einem Café in Amsterdam gegenüber. Sein „Meister“, wie er ihn bis heute nennt, oder auch „Jean“. Jean bekehrt Paulo Coelho wieder zum katholischen Glauben und überzeugt ihn von der Mitgliedschaft in einem katholischen Geheimbund mit dem Namen R.A.M. Die drei Buchstaben stehen für „Regnum Agnus Mundi“, das „Lamm des Reiches der Welt“. Jean ist es dann auch, der ihm eine Prüfung auferlegt, eine, die ihm im Nachhinein zu dem Erfolgsschriftsteller werden lässt, der er heute ist. Paulo Coelho soll sich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela machen.

10. Kapitel: Das erste Buch

Auch den Weg zum Grab des Apostels Jakobus bestreitet Paulo Coelho anders als andere. Er geht zusammen mit Toninho, den er als „Sklaven“ mitnimmt, in so bezeichnet und dafür bezahlt, dass er ihm zum Beispiel beim Tragen des Gepäcks hilft. Und das letzte Stück nach Santiago fährt Paulo Coelho bequem mit dem Bus. Dennoch erfüllt er in den Augen seines Meisters die Prüfung, wird endgültig aufgenommen in den Geheimbund R.A.M. und schreibt, nach dem er wiederum ein Zeichen bekommen hat, sein erstes eigenes Buch „Auf dem Jakobsweg“. Er schreibt dieses Buch wie fast alle danach wie im Rausch. 21 Tage am Stück. Nur zum Essen, Schlafen und Waschen steht der nun wieder gläubige Katholik Paulo Coelho von seiner geliebten elektrischen Olivetti-Schreibmaschine auf. Bei vielen anderen Büchern macht er es ebenso. Auch „der Alchimist“ und „Brida“ entstehen innerhalb von nur zwei bis drei Wochen Akkordarbeit.

11. Kapitel: der Erfolg

Wie bei den meisten anderen Schriftstellern war es auch bei Paulo Coelho so, dass die Verkaufszahlen zu Beginn dürftig waren. Gerade sein zweiter, aus heutiger Sicht erfolgreichster Roman „der Alchimist“ verkaufte sich zu Beginn sehr schlecht. Aber nachdem er den Verlag wechselt, eine Agentin einstellt und selbst die Werbetrommel rührt, beginnt Anfang der 1990er Jahre die Coelho-Manie. Von Literaturkritikern meist zerrissen, lieben ihn hingegen seine Leser. Vor allem, weil fast alle seine Bücher von Zeichen im Alltag, magischen Begegnungen und der „Weltenseele“, wie er sie nennt, erzählen. Bis heute hat der Brasilianer rund 150 Millionen Bücher verkauft. Seinen Lebenstraum hat er sich erfüllt. Ob der Zwangsmensch Paulo Coelho, der stets nur schwarz gekleidet, mit einem Fläschchen Weihwasser aus Lourdes reisend und Taubenfedern auf der Straße meidend, auch am Ziel aller Träume angekommen ist, weiß nur er selbst.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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