(c) Markus Harmann

Petra in Jordanien: Das vergessene Weltwunder

  • 15.01.19 13:01
  • Markus Harmann
  •   Glaubensmagnete

Der einzige Weg zur rätselhaften Stadt in den Felsen ist schmal. An einigen Stellen gerade drei Meter breit, rechts und links türmen sich die Felsen auf bis zu 80 Meter Höhe. Die Sonne steht hoch, der Himmel ist strahlend blau, nur deshalb ist es hier unten auf dem 1,3 Kilometer langen Schluchtweg taghell. Sulkys, gezogen von kleinen, schwitzenden Pferden, überholen uns. „Taxi?“, rufen die Beduinen mit den Zügeln in der Hand. Zwei, drei Biegungen noch – und es ist, als öffne sich ein Theatervorhang. Die wohl berühmteste Fassade der jordanischen Felsenstadt Petra zeichnet sich immer deutlicher ab: das Khazne-al-Firaun, das Schatzhaus, Grabmal eines Königs, 43 Meter hoch. Vor mehr als 2100 Jahren meißelte es das Volk der Nabatäer aus dem roten Sandstein. Der ganzen Welt bekannt ist es spätestens seit 1989 – als Kulisse aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Es ist fast ein bisschen typisch für den zurückhaltenden, vermeintlich unspektakulären Wüstenstaat Jordanien: Da muss erst US-Schauspieler Harrison Ford kommen und Touristen entdecken in Scharen die Felsenstadt Petra, von der vermutlich erst 20 Quadratkilometer – oder auch 20 Prozent der Gesamtfläche – ausgegraben und erforscht sind. Seit 2007 ist Petra eines der sieben neuen Weltwunder – neben Machu Picchu, dem Taj Mahal oder Chichen Itza.

In Fels gemeißelter Wohlstand

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Die Menschen hier haben Erfahrung mit Flüchtlingen, mit Menschen, die kommen und gehen. Die Schutz suchen, wie die Palästinenser, oder Arbeit, wie die Ägypter. Menschen, die sich niederlassen und weiterziehen. Die Nabatäer, jene Araber, die die Felsenstadt Petra erbauten, waren lange als Nomaden umhergezogen, ehe sie sich auf halbem Weg zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Akaba niederließen. Im vierten Jahrhundert vor Christus war das. Die prächtigen Fassaden der Felsenhäuser zeugen von unermesslichem Reichtum, angehäuft vor allem durch Zölle und Zwischenhandel. Denn der Ort, rund 1000 Meter hoch in den Bergen, war gut gewählt, hier kreuzten sich die Handelsstraßen der Antike.

Auf dem Weg nach Süd-Arabien durchquerten die Karawanen mit Gold oder Gewürzen jedes Mal das Reich der Nabatäer. Kilometerlange Leitungen und Zisternen, noch heute zu sehen, versorgten Petras Einwohner mit Trinkwasser. Die Königsresidenz, auf die ein Grabungsteam erst 2010 stieß, verfügte über Bäder, Latrinen und sogar ein Art Fußbodenheizung. „Wir wissen noch längst nicht alles über Petra“, meint Moussa, der Touristenführer, während wir an den Resten des Amphitheaters vorbeiziehen. Der sandige Boden knirscht, er ist übersät mit Resten nabatäischer Keramik. Links und rechts erheben sich Grabkammern und Wohnhäuser, oft direkt nebeneinander. Die Felsen leuchten mal dunkelrot, mal ocker, rosa oder grau. „Raq mu“ nannten die Nabatäer ihre Stadt: die Buntgestreifte.

Verschwundene Felsen wiederentdeckt

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500 Jahre währte Petras Blütezeit, dann übernahmen die Römer die Vorherrschaft in der Region. Das Reich der Nabatäer und mit ihm die Felsenstadt gerieten in Vergessenheit. Erst der Schweizer Forschungsreisende Johann Ludwig Burckhardt entdeckte die spektakulären Felsfassaden 1812 wieder und wunderte sich: Viele der Häuser waren bewohnt. Sie waren gebaut für die Ewigkeit, noch immer sammelte sich in den Zisternen das Regenwasser, dadurch war Ackerbau möglich. Selbst heute, mehr als 200 Jahre nach dem spektakulären Fund in der Steinwüste, sollen noch Menschen in den Häusern, die seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, leben. Flüchtlinge aus Nachbarländern auch, die sich andere Unterkünfte nicht leisten können.

Erlaubt sei das nicht, aber eben auch schwer zu kontrollieren angesichts der Größe des Gebiets, meint Moussa. Es ist später Nachmittag geworden, die Sonne senkt sich und der Weg zurück durch die mehr als einen Kilometer lange Schlucht wirkt erfrischend kühl. Es sind vor allem Touristen aus dem Nordosten der Arabischen Halbinsel, aus Katar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die nach Petra kommen. Auch einige wenige US-Amerikaner sind auszumachen. „Die Europäer trauen sich nicht mehr richtig“, sagt Moussa. „Dabei können uns Touristen mit ihren Devisen helfen.“ Helfen gegen die steigende Armut im Land, und auch dabei, Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak eine Perspektive zu geben, weil sie in und um Petra Arbeit finden könnten. Wael Suleiman, der jordanische Caritas-Direktor, meint: „Viele wollen gar nicht weiter nach Europa, sie würden viel lieber hier bleiben, wo man sie versteht, wo sie nicht so weit entfernt sind von ihrer Heimat. Aber sie haben keine Perspektive, Jordanien selbst ist zu arm.“

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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