(c) Robert Boecker

Pfadfinder: Nichts kann sie stoppen

  • 22.01.19 15:08
  • Jan Sting
  •   Im Auftrag des Herrn

Mit einem metallenen Surren lässt Kasimir das Zentimetermaß aus der Spule schnellen. Während der Gruppenstunde der Dormagener St.-Georgs-Pfadfinder misst er so ziemlich alles aus, was auf dem Weg liegt: Geldautomaten, Geschäftseingänge, Treppenstufen oder Bordsteinkanten. Kasimir und die anderen Jungpfadfinder des Stamms „Die Greifen“ testen die Fußgängerzone und ihre Geschäfte auf Barrierefreiheit. Sie wollen die „Aktion Mensch“ bei einem Online-Verzeichnis über die Rollstuhltauglichkeit von Innenstädten unterstützen. Ihre Bilanz ist durchwachsen. „Vieles könnte besser sein“, sagt  Maria. Die Zwölfjährige sitzt als Testperson im Rollstuhl und braucht eine Menge Kraft in den Armen, um mit den Rädern gegen die Steigung einer Rampe anzufahren, die gerade einmal die Größe eines Bettkeils hat. „Sicherlich gut gemeint, aber auf dem kurzen Stück zu steil“, sagt ihre Freundin Anne. Ihre Notizen schreiben die Jungpfadfinder, die zwischen zehn und 13 Jahren alt sind, auf Blöcke und arbeiten gleichzeitig mit einer App, die die bereits verzeichneten, barrierefreien Orte in Dormagen auf ihren Smartphones anzeigt.

Begeisterung über Generationen

„Meine Mutter war lange Zeit bei den Pfadfindern. Und es hat ihr sehr gut gefallen. Vor allem, als sie mit allen anderen ihren Geburtstag auf einer Brücke gefeiert hat“, erzählt Maria. Gemeinsam mit Anne und ihrer Freundin Zoe kam sie vor gut einem Jahr zu den „Greifen“. Besonders hätten sie sich beim vergangenen Lager über die große Matschpfütze am Morgen vor ihrem Zelt gefreut, erzählen sie mit einem Augenzwinkern. Kasimir, Leon, Simon und ein paar andere Jungs wiederum schwärmen vom großen Duell des Gammelkochens. Dabei sollten Lebensmittel vor der Mülltonne bewahrt und stattdessen zu einem Phantasiemenue verarbeitet werden. Es gab Gnocchi mit Tomatensauce. „Aber auch das Couscous mit gebratenen Würstchen, Eiern und Tomatensauce hat prima geschmeckt“, verrät Kasimir. Dazu gab es Rote Bete. „Wir haben bei den Leuten geklingelt und sie gefragt, ob sie noch Lebensmittel haben, die sie nicht mehr brauchen.“

Dschungel der Zivilisation

 (c) Robert Boecker

Beim Stamm der Dormagener „Greifen“ steht heute in der Gruppenstunde die Behindertenarbeit im Vordergrund und es geht durch den Dschungel der Zivilisation. Leiter Kristof Moersch (25) wird vom Besitzer des Eiscafés freudig begrüßt. Und da er ein höflicher Pfadfinder ist, werden er und ein Dutzend Kinder auch wieder nett verabschiedet, obwohl keine Kugel Eis, keine Waffel, kein Kaffee konsumiert, dafür aber alles vermessen wurde. Seit fünf Jahren ist Moersch Leiter, macht regelmäßig Fortbildungen und sieht das Ehrenamt als gute Vorbereitung auf den Lehrerberuf. „Ich war selbst von Kind an Pfadfinder und möchte das weitergeben“, sagt er – immer mit wachsamem Auge auf seine „Greifen“, die nicht immer auf dem Pfad bleiben, sondern manchmal eher einem Flohzirkus gleichen.

Schnell und wirkungsvoll sind Moerschs Ansagen wie „Keine Beleidigungen“ oder die Androhung, Handys einzukassieren. „Heute können sich Kinder mehr entfalten und so rumlaufen, wie sie Lust haben“, sagt er und ist sich darin einig mit Leiterin Miriam Kleinig und ihrer Schwester Jenni. Am Ende ihrer Gruppenstunde tragen „Die Greifen“ alle Ergebnisse zum Thema Barrierefreiheit in Dormagen zusammen. Aus einer Wheelmap, einer Onlinekarte, soll hervorgehen, ob es Stufen oder Rampen, eine Toilette und einen Aufzug gibt. Einig sind sich „Die Greifen“, dass viele Barrieren nur mithilfe anderer zu überbrücken sind. Aber: „Von anderen durch die Gegend geschoben zu werden, ist blöd.“

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der AdventsZeit 2018.

Zur AdventsZeit 2018 »