(c) Marco Sengstake

Pilgern auf neuer Route

  • 27.04.21, 16:58
  • Marco Sengstake
  •   Kurz und Knapp

Ich habe schon seit Jahren auf meiner persönlichen "Lebens-To-Do-Liste" stehen, dass ich den Jakobsweg gehen möchte. Schön fand ich den Gedanken, dass ich in einem „heiligen Jahr“ pilgern werde. Etwas mehr als ein Jahr vor meinem geplanten Start begann der erste Lockdown in Deutschland. Ich war trotzdem positiv gestimmt und kurz vor meiner Anreise nach Sean-Jean-Pied-de-Port war mein Kenntnisstand dahingehend, dass meinem größten Abenteuer nichts im Weg stehen wird. Die Anreise zum Ausgangspunkt verlief relativ problemlos. Als ich jedoch in meiner ersten Pilgerherberge einen Tag vor meinem eigentlichen Start ankam, platzte mein Traum wie eine Seifenblase. Ich kam doch nicht nach Spanien rein. Es werde streng kontrolliert und wenn man erwischt werde, müsse man 600 Euro Strafe zahlen und man müsse wieder zu Fuß zurück gehen, egal wie weit es sei.

 (c) Marco Sengstake

Zu diesem Zeitpunkt war der Schock zunächst so groß, dass ich meine Traurigkeit noch nicht richtig zum Ausdruck bringen konnte. Es kreisten unheimlich viele Gedanken durch meinen Kopf. Zwei Dinge standen jedoch sehr schnell für mich fest. Ich will jetzt auf keinen Fall nach Hause und ich möchte so schnell wie möglich hier wieder weg. Ein erster neuer Plan war dann doch schnell gefunden. Ich würde zunächst mal nach Lourdes pilgern, etwa 140 Kilometer entfernt von hier. 

Als ich nach einer Woche das Ortsschild erreichte, fühle ich mich sehr glücklich und stolz. Obwohl es in Frankreich nicht sonderlich schwer ist Unterkünfte zu finden, begegnete ich unterwegs keinem Menschen, geschweige denn Pilgern. Es ist schon komisch. Die Franzosen dürfen sich wegen eines harten Lockdowns nur höchstens 10 Kilometer von ihrem Haus entfernen und ich kann mich hier frei bewegen.

 (c) Marco Sengstake

Lourdes ist wie ausgestorben. Das liegt natürlich hauptsächlich an Corona und dem Lockdown. Hinzu kommt, dass die Tourismus-Saison normalerweise jetzt erst langsam beginnen würde. Alle Sehenswürdigkeiten sind geschlossen mit Ausnahme des Geländes rund um die Mariä-Empfängnis-Basilika mit der Grotte de Massabielle. Es ist ein riesiges Areal mit verschiedenen Eingängen und anhand der vielen geschlossenen Hotels und leeren Parkplätzen kann man erahnen welche Pilger- und Menschmassen sich hier normalerweise aufhalten. Ich gehe in meiner Woche in Lourdes dreimal zur Basilika und zur Grotte mit dem Bild der heiligen Bernadette.

Aktuell gibt es nur einen Zugang auf das Gelände. Die Basilika kann man momentan leider nicht komplett besichtigen, denn es finden aufwendige Restaurationsarbeiten statt.

Die Sonne scheint. Nur wenige Menschen kommen aktuell hier her, um an den Messen vor der Grotte teilzunehmen . Einige - so auch ich - zünden Kerzen an. Andere befüllen verschiedene Gefäße mit dem Wasser aus der Wunderquelle oder lassen sich damit waschen.
Ich genieße diesen besonderen Ort. Als ich hier ankam, war es für mich sehr emotional als ich Kerzen für meine Familie und für alle Menschen, die mit am Herzen liegen, angezündet habe. Ich setze mich immer wieder auf eine der Bänke und lasse diese Stimmung dabei immer sehr lange und intensiv auf mich wirken.

Meine Pilgerreise geht nach den Tagen in Lourdes weiter. Ich möchte gerne den „Via Tolosana“ (es ist der südlichste Jakobsweg in Frankreich) in entgegengesetzter Richtung bis nach Arles zum Mittelmeer gehen. Also doch noch „Buen Camino“.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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