(c) Robert Boecker

„Rapunzel, lass dein Buch herunter“

  • 21.06.22, 14:15
  • Peter Angenendt
  •   Im Auftrag des Herrn

Leonie, Jella und Anna fiebern mit den Kamelen „Wüstenblume“, „Sandsturm“ und „Oase“ mit. Bei ihrem Besuch in der Katholischen Öffentlichen Bücherei (KÖB) von St. Joseph in Köln-Dellbrück sind die drei Mädchen sofort von Heinz Janischs Bilderbuch „Das große Rennen“ gefesselt. Daraus liest ihnen die ehrenamtliche Leiterin Sabine Möbius vor, und auf einmal ist alles anders beim großen britischen Pferderennen „Race of the Champions“: Die Kamele sind vorn. Die drei Mädchen kommen gerne. Es ist zwar eng, aber gemütlich. Im Schlepptau haben sie einen Bollerwagen, um darin die Bücher zu stapeln, die sie gleich für die ganze Gruppe ausleihen. Regelmäßig sind die Kinder der umliegenden Kitas zu Gast, und Erzieherin Anna Werheit weiß, dass der Gang zur Bücherei „immer eine Sternstunde ist“. Durch eine Tür zu treten und begrüßt zu werden, das sei nach der Pandemie ein Stück Freiheit, das die Kinder, aber auch die Jugendlichen und Erwachsenen zu schätzen wüssten.

Bücher durchs Fenster

Es gab eine Zäsur: „Am letzten offiziellen Öffnungstag am 15. März 2020 hatten wir 400 Ausleihen. Die Regale leerten sich“, erinnert sich Möbius. Allen 13 Ehrenamtlichen sei sofort klar gewesen, dass sie während des Lockdowns erfinderisch sein müssten, um die „Kunden“ weiterhin zu versorgen. Sie organisierten Bring-Dienste für ältere Leser und packten Medienboxen für den Lesenachwuchs. Die Idee ging auf: Elisabeth Bremekamp, kommissarische Leiterin des Referats Katholische Öffentliche Büchereien im Erzbistum Köln, stellt fest, dass Büchereien durch die Pandemie hier und da gar einen Nachfrage-Schub erfuhren. Rund 4200 Engagierte sind im Erzbistum dabei, in der Ausleihe und Beratung, der Pflege des Bestands oder der Organisation von Veranstaltungen. Die Medien sind breit gefächert, von (Hör-)Büchern und Spielen über Tonie-Figuren bis zu Pappen für die Allerkleinsten, und können meist kostenfrei ausgeliehen werden. Regelmäßig werden die Bestände aktualisiert, Neuerscheinungen sind schnell ausgeliehen, und während Corona haben die Büchereien auch geholfen, die Menschen zu verbinden. Und sei es nur als Geste, dass etwa preisgekrönte Bücher durch das Fenster der Bücherei gereicht oder für weniger Mobile an die Haustür gebracht wurden.

Generationsübergreifende Begeisterung

Landesweit sind Büchereien sogenannte „dritte Orte“, an denen sich alle Generationen austauschen können. „Unsere älteren Leserinnen und Leser trafen sich hier vor Corona regelmäßig“, sagt Möbius. Und so soll es wieder sein. Wenn es zu eng wird, rollt sie die Regale und Büchertröge zur Seite. 49.000 Ausleihen waren es in Dellbrück im vergangenen Jahr, im Schnitt sind es ansonsten 20.000. Das ist viel bei 400 aktiven Nutzern und einem Bestand von 4000 Medien. Sebastian Bremer, Pfarrer in Dellbrück und Holweide, unterstützt die Bücherei. Er ist selbst ein Büchernarr. Der zunehmende Lesetrend scheint anzuhalten. Auch Ursula Langenstück, Leiterin des ehrenamtlichen KÖB-Teams der Herz-Jesu-Kirche im Bergisch Gladbacher Stadtteil Schildgen, bestätigt, dass die Pandemie einen Leseschub ausgelöst hat, und freut sich, auch wieder zu KÖB-Veranstaltungen einzuladen. Während Kinder wie Leonie, Jella und Anna häufig schon Lesebegeis-terung mitbringen, müssen andere offensiver „geködert“ werden. Daher setzt die Dellbrücker Bücherei nahtlos bei den Grundschulen an, um die Lesebegeisterung nicht zu unterbrechen. Bestes Beispiel: eine Riesenaktion der KÖB von St. Joseph an den Katholischen Grundschulen in ihrem Stadtteil. Alle 16 Klassen erhielten jeweils 100 Bücher. Die Kinder waren begeistert und schrieben Sabine Möbius Dankesbriefe, so wie Clara: „Hallo Frau Möbius, ich bin sehr glücklich über die Bücher. Ich bin an einem tollen Buch dran, es handelt von Delfinen. Gruß, Deine Clara.“

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