(c) Robert Boecker

Repair-Cafés - retten, was kaum zu retten ist

  • 30.06.20 12:26
  • Markus Harmann
  •   Kurz und Knapp

Ohne die „Herren Ingenieure“, sagt Gisela Baer (Name geändert), hätte sie ihre Nähmaschine, Jahrgang 1987, wohl entsorgen lassen. Sie hätte ihr „Schätzchen“ auf den Rücksitz ihres Polos gepackt und zum Abfallwirtschaftszentrum in Mechernich gebracht. „Es wäre mir schwergefallen, sie wegzuwerfen“, sagt sie. Immerhin sind mit dieser Nähmaschine der Marke Pfaff Dutzende Röcke, Kleider und Kissenbezüge entstanden. An einem Freitag im Oktober stellte Gisela Baer ihre Nähmaschine tatsächlich in ihr Auto, fuhr aber nicht zur Müll-Abgabestelle, sondern ins Café International in Euskirchen. Hier wurde sie von vier Herren empfangen, der jüngste 67, der älteste 81 Jahre alt. Bis zu ihrer Pensionierung hatten sie als Ingenieure, Elektroinstallateure und Elektrotechniker gearbeitet. Die 32 Jahre alte Nähmaschine kam ihnen gerade recht. Die Mission der Männer: Retten, was kaum zu retten ist.

Vieles kann repariert werden

An jedem zweiten Freitag im Monat wird das Café International des Caritasverbandes Euskirchen zur Werkstatt, genauer: zu einem Repair-Café. Bis zu acht Herren, allesamt im Rentenalter, bieten ihre Dienste als Tüftler, Bastler und Experten für die Wiederbelebung in die Jahre gekommener Haushaltsgeräte an. Wer wie Gisela Baer einer alten Nähmaschine neues Leben einhauchen möchte und im Fachhandel nicht weiterkommt, weil es möglicherweise keine Ersatzteile mehr gibt, der ist hier genau richtig. Zehn Männer und Frauen kommen an diesem Tag ins Café. Im Gepäck unter anderem: zwei defekte Kaffeemaschinen, eine alte Öllampe, ein Radiogerät ohne Antenne, ein Kassettenrekorder, bei dem eine Taste klemmt, und eine kaputte Nachttischlampe. Die Euskirchener Caritas gründete das Repair-Café 2017 anlässlich der Europäischen Woche der Abfallvermeidung. „Ein Statement gegen die Wegwerfgesellschaft“, sagt Peter Müller-Gewiss, der das Repair-Café organisiert.

Auch der Umwelt zuliebe

In Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen Gedanken um Müllvermeidung und Klimaerwärmung machen, liegen die Euskirchener mit ihrem Café voll im Trend. Bundesweit gibt es 750 Repair- oder Reparatur-Cafés nach holländischem Modell (siehe Infotext). Im Erzbistum Köln unterhalten Caritasverbände und Pfarrgemeinden gut ein halbes Dutzend Repair-Cafés. Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee im Café International. Kreuzschraubenzieher, Zangen und Lötkolben liegen auf den Tischen, an denen sonst Flüchtlinge sitzen, die sich beraten lassen oder die deutsche Sprache lernen. Peter Zinken, 67, Ingenieur im Ruhestand, flickt gerade das Kabel einer Nachttischlampe. Die Besitzerin der Lampe sitzt ihm gegenüber und schaut interessiert zu. „Nein, selber reparieren, das würde ich nicht“, sagt die Dame. Aber es sei doch interessant zu wissen, was genau kaputt ist. Peter Zinken ist erst seit Kurzem im Ruhestand. Im vergangenen Jahr reiste er für zehn Wochen nach Indien, um ein Unternehmen, das Eisenbahnwaggons baut, in Sachen Qualität, Produktivität und Arbeitsschutz zu beraten. „Als ich kam, wurde ein Waggon in zwei Wochen gebaut. Als ich wieder ging, waren es zwei Waggons in einer Woche“, sagt er und schmunzelt. Dagegen sind die meisten Reparaturen hier im Café für den Ingenieur ein Klacks. Aber auch ihm geht es nicht nur ums Werkeln. „Ein bisschen quatschen, wissen, was so läuft“, das ist es, was ihn freitags immer wieder ins Café lockt.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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