(c) picturealliance_imagebroker

Schöpfungsspiritualität: Das Stöhnen der Erde vernehmen

  • 01.04.19 11:48
  • Lars Schäfers
  •   Im Auftrag des Herrn

Der Mensch als Krone der Schöpfung: So wird er im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel, dargestellt. In Zeiten des Klimawandels und der ökologischen Krise verkörpert der Mensch allerdings nicht mehr die Hauptrolle auf der Bühne der Erde. Vielmehr ist er längst zum Regisseur geworden, der auf den Brettern, die im wahrsten Sinne die Welt bedeuten, ein apokalyptisches Drama mit offenem Ende inszeniert. Das Stück heißt „Anthropozän“: das Zeitalter menschlicher Dominanz über nahezu alle natürlichen Prozesse. Mit dem biblischen Herrschaftsauftrag war auch das Christentum an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Der Mensch soll sich die Erde unterwerfen, heißt es in Genesis 1,28. Doch es gibt auch eine andere Seite: Besonders Papst Franziskus betont, dass wir den Schrei der verletzten „Schwester Erde“ (Enzyklika 'Laudato si‘, 53) hören, sie gerecht und barmherzig behandeln sollen. Sein Namenspatron, der heilige Franz von Assisi, steht für eine solche von einer Schöpfungsspiritualität genährten Haltung. In seinem Sonnengesang spricht er liebevoll etwa von „Bruder Wind“ und „Schwester Wasser“. Dies zeigt, er war von einem familiären Verhältnis zur Schöpfung geprägt. Der Papst sieht in dem Minderbruder daher ein Vorbild für „eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie“ (Enzyklika 'Laudato si‘, 10).

Achtung vor allem, was lebt

Ein Sich-Einfühlen in die Natur, die uns umgibt, wird so zu einem Element christlicher Kontemplation und Mystik. Dabei werden die Mitgeschöpfe schon seit biblischen Zeiten mit ins Gebet genommen. Es sind besonders die Psalmen des Alten Testaments, die einen Gebetsschatz bieten, in dem Naturmotive eine wichtige Rolle spielen. Psalm 104 etwa lädt geradezu zu einem gebeteten Spaziergang durch Gottes Schöpfung ein; mit Himmel und Wassern, Bergen und Tälern, Bäumen und Tieren, die allesamt dazu einladen, Gott zu loben: „Herr! Alles hast du geschaffen in Weisheit, erfüllt ist die Erde von deinen Geschöpfen“ (Ps 104,24). Hierin drückt sich aus: Alle Geschöpfe haben vor Gott ihren eigenen Wert und ihre eigene Schönheit. Den Menschen verweisen sie dabei auf die ökologische Dimension von Unheil und Heil. Dieses Heil bedeutet nach christlicher Vorstellung das „Leben in Fülle“ (Joh 10,10), das ohne Beziehung zur Natur und zu den Mitgeschöpfen an Üppigkeit einbüßen würde. Es geht dabei auch um ein Gespür für die Heiligkeit allen Lebens und zugleich dafür, dass es mit den Dingen dieser Welt nicht abgetan ist. So verstanden dient der christliche Schöpfungsglaube als eine Quelle, aus der die Grundhaltungen der Ehrfurcht, der Freude, der Dankbarkeit und der Achtung gegenüber allen Lebewesen erwachsen können. Eine solchermaßen geprägte Spiritualität sensibilisiert letztlich für das Stöhnen der Erde und bestärkt das so dringend notwendige Engagement für die Bewahrung der Schöpfung im Anthropozän.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2019.

Zur SommerZeit 2019 »