Die Telefonseelsorge in Köln (c) Joachim Rieger

"Schweigen kann man lernen"

  • 07.09.16 10:52
  • Martin Mölder
  •   Im Auftrag des Herrn

Ein Gebäude mitten in Köln. Eine Wohnung mit Küche, zwei Büros und einem Raum des Zuhörens, der Anteilnahme und des Gesprächs – genannt das Telefonzimmer. Darin: Ein Regal mit Büchern und Behältern mit Lakritzschnecken, Gummibärchen und anderer „Nervennahrung“, wie es die Leiterin der Telefonseelsorge Köln, Annelie Bracke schmunzelnd ausdrückt. Gegenüber an der Wand hängend ein Adventskranz und ein Mini-Altar, „unser Altärchen“ mit einem Kreuz, einer Kerze und selbstgestalteten Gebetbuch. Daneben mit Blick aus dem Fenster ein Schreibtisch mit drei Telefonen, zwei Headsets, ein Kabel-Telefon mit Telefonhörer. „Wenn hier jemand anruft, wird seine Rufnummer automatisch unterdrückt. Wir sehen die Nummer nie“, erklärt Bracke, die bereits seit 24 Jahren hier arbeitet, seit 16 Jahren als Leiterin.

Rund um die Uhr erreichbar

Annelie Bracke (c) Joachim Rieger

Familiäre und Alltagsbeziehungen, Niedergeschlagenheit, Stress, Ärger, Aggressionen, Einsamkeit/ Isolation und Probleme in der Partnerschaft. Das sind neben dem großen Thema „Suizid“ die häufigsten Themen, mit denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge Köln konfrontiert werden.

 In vier Schichten arbeitet das Team - 24 Stunden lang. Auf ihre vielen Ehrenamtler ist Annelie Bracke dabei besonders stolz. „Das sind alles hochmotivierte Leute, eine bunt gemischt Gruppe, aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen“, schwärmt sie. Ein Jahr lang dauert die Fortbildung zum Mitarbeiter der Telefonseelsorge. 130 Zeitstunden insgesamt, u.a. mit wöchentlichen Gruppensitzungen, drei Wochenenden und Hospitationen bei bereits erfahrenen Kollegen. Alle zwei Wochen kommt das Team zur Supervision zusammen.

60 Anrufe pro Tag

Rund 1800 Anrufe landen bei der Telefonseelsorge Köln. Im Monat. Dass nahezu jeder mittlerweile ein Handy hat, ist ein Grund für diese hohe Zahl. Gerade bei Kindern und Jugendlichen merkt Annelie Bracke das am meisten. „Früher haben die 5% der Anrufe ausgemacht, jetzt sind es 20%, weil sie durch die Handys ungestört, von überall aus anrufen können“. Diese Wohnung mitten in Köln, dieser Ort des Zuhörens und der Anteilnehmen ist einer, an dem gelebte Barmherzigkeit spürbar ist. Barmherzigkeit und Dankbarkeit. Eine Anruferin hat einen Brief geschrieben, der an der großen Pinnwand auf dem Flur hängt: „Danke an alle aus der Telefonseelsorge Köln für die Hilfe in schweren Zeiten über viele Jahre“.

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