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Schwester Jakoba: „Wir trauen uns beide“

  • 19.07.22, 16:14
  • Martin Mölder

Annika Zöll ist eine der jüngsten Novizinnen Deutschlands. Vor einem Jahr ist die 26-Jährige eingekleidet worden, wählte den Namen „Jakoba“ und lebt mit den Olper Franziskanerinnen. Zurzeit wohnt sie im Konvent in Köln und arbeitet an der Theologischen Fakultät der Bonner Universität.

 

Schwester Jakoba, gab es ein Berufungserlebnis, das Sie dazu gebracht hat, Ordensschwester werden zu wollen?

Nein, es gab kein singuläres Erlebnis, keine Taube oder Stimme aus dem Himmel oder so. Ich habe einfach die Olper Franziskanerinnen kennengelernt und bin kleben geblieben. In meinem Dorf gab es damals, als ich geboren wurde, einen Konvent mit drei oder vier Schwestern. Ich kann mich bewusst an zwei erinnern, die ich dann auch im Kindergarten erlebt habe. Das war der Erstkontakt. Später habe ich bei einer Ausschreibung anlässlich des 150. Jubiläums der Franziskanerinnen mitgemacht – mit dem Ergebnis, dass ich mit Schwester Katharina in die USA reisen durfte. Damals war ich 16 und habe in zwei sehr intensiven Wochen erlebt, wie die Schwestern dort leben. Der Kontakt hielt auch nach der USA-Reise, und irgendwann habe ich mich gefragt: Vielleicht bist du nicht einfach nur gerne bei den Franziskanerinnen, weil es dort schön ist, die nett sind und es immer leckeres Essen gibt. Vielleicht ist es doch ein Leben, das ich mir wirklich vorstellen kann.

Gab es keine Zweifel? Sie waren damals 19 Jahre alt.

Doch. Ich habe ja erst begonnen, Theologie in Bonn zu studieren, bin dann 2016/17 für acht Monate nach Jerusalem gegangen zu einem Auslandsstudium. Damals dachte ich:  Wie praktisch, dann bist du erst mal den Gedanken los, musst den Kontakt abbrechen und kannst nicht mehr alle drei Wochen übers Wochenende hinfahren zu den Franziskanerinnen. Da wird sich die Begeisterung für deren Ordensleben vielleicht legen. Das Gegenteil ist dann passiert. Das Studium war angegliedert an die deutsche Benediktinerabtei in Jerusalem, und ich habe gemerkt: Das ist doch mein Weg, ich möchte mein Leben als Ordensfrau, als Franziskanerin leben. Ich bin dann zurückgekommen und habe relativ schnell mit Schwester Katharina darüber gesprochen. Bis dahin wussten es weder meine Familie noch Freunde. Und dann war klar: Wir trauen uns beide, die Olper Franziskanerinnen und ich auch.

Sie haben jetzt das zweite Jahr des Noviziats hinter sich. Wie sieht denn Ihre Zwischenbilanz aus?

Ich bin noch da. Und ich habe vor zu bleiben und bin jetzt einfach gespannt, wie das Ganze mit einem Job an der Uni und sogar mit einer Promotion zu vereinbaren ist. Aber ich freue mich darauf und glaube, dass das gut funktionieren wird, auch weil es ja grundlegender Bestandteil der Olper Franziskanerinnen ist, Job, Gemeinschaft und geistliches Leben zu kombinieren. Ich habe ja bereits in viele Einrichtungen unserer Gemeinschaft Einblicke gehabt. Ich war in der Großküche, im Mutter-Kind-Haus, im Kinderheim und Altenheim und habe auch in der Obdachlosenseelsorge mitgearbeitet. Das war meist vormittags. Nachmittags gab es dann Zeit fürs Gebet, zum Bibellesen oder Unterricht mit Schwester Katharina zu verschiedenen Themen.

Sie sind mit großem Abstand die Jüngste in Ihrer Gemeinschaft. Vermissen Sie Gleichaltrige gar nicht?

Das wusste ich ja vorher. Ich wäre nicht eingetreten, wenn mich das furchtbar stören würde, dass meine Mitschwestern wesentlich älter sind als ich. Der Grund, hier einzutreten, war nicht zu sagen: „Mensch, das sind so viele coole junge Leute, die wollen leben wie ich“, sondern zu merken: Ich will leben wie die – und das ist unabhängig vom Alter. Hier herrschen so viel Lebensmut und Frohsinn und eine ganz besondere Spiritualität. All das kann man mit 60 genauso empfinden und weitergeben wie mit 20, und dadurch fällt der Altersunterschied auch gar nicht so krass auf. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich in 20 Jahren vielleicht noch fünf, sechs Mitschwestern aus meiner Gemeinschaft haben werde. Das ist traurig und blöd, aber ich glaube dennoch, dass es weitergehen wird. Anders irgendwie, aber es wird weitergehen. Ich hab da ein gutes Gefühl und ein gesundes Grundvertrauen. Irgendwas wird sich da finden.

Was fasziniert und begeistert Sie an den Olper Franziskanerinnen?

In erster Linie die Art, mit Menschen umzugehen. Ich war so häufig hier zu Besuch und bin immer so herzlich aufgenommen und mit stets offenen Armen empfangen worden. Es ist die Art und Weise, wie hier miteinander gelebt wird, geprägt von einem ganz tiefen Respekt und von einer Zugewandtheit, die einfach guttut. Und zwar nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Ich habe oft ganz spontan gefragt, ob ich nächstes Wochenende kommen kann, und nie war es ein Problem. Dieses Haus ist ein offenes Haus für jeden und jede. Dieser Umgang mit Menschen ist schwierig zu beschreiben, den muss man erleben. Für mich ist es der richtige Weg, weil für mich Gott eben mitten im Leben und bei den Menschen ist. Und wenn ich auf der Suche bin nach Gott, dann bin ich unter den Menschen und finde ihn dort. Meine Beziehung zu Gott funktioniert vor allem in dem Moment, wenn ich mit und für Menschen unterwegs bin. Das sind dann Orte der wahren Gottesbegegnung für mich.

 

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