Cäcilia Giebermann mit Zeitzeugen (c) Cäcilia Giebermann

Seligsprechung eines guten Hirten

  • 04.11.16 10:01
  • Martin Mölder
  •   Im Auftrag des Herrn

Frau Giebermann, Sie haben erst 2008 vom Seligsprechungsverfahren für Pfarrer Marxen erfahren. Was hat Sie während Ihrer Recherche über das Leben und Wirken Ihres Großonkels besonders beeindruckt?

Auf meiner ersten Albanienreise erzählte mir ein alter Mann, wie Pfarrer Marxen seinem kleinen Bruder geholfen hat: Der Zweijährige hatte hohes Fieber entwickelt, an seinem Hinterkopf quälte ihn eine große Eiterbeule. Die verzweifelten Eltern baten den deutschen Missionar um Hilfe, denn seine Medizinkenntnisse waren weithin bekannt. Pfarrer Marxen sagte, dass das Kind vielleicht nicht überleben werde, und machte sich sofort an die Arbeit: Er schabte mit einem Löffel den Eiter aus der Wunde und verband sie sorgfältig. Dies wiederholte er über Monate alle zwei Tage. Der Junge wurde gesund und hat später als Lehrer gearbeitet. Da ich selbst Ärztin bin, habe ich auf meiner nächsten Albanienreise den früheren Patienten aufgesucht. Als ich das große Loch am Hinterkopf des alten Mannes tasten durfte, wurde mir klar, wie beherzt mein Großonkel sein medizinisches Wissen angewandt hat.

Ihr Großonkel hat oft das Bild des "guten Hirten" verwandt: Wie hat er das in einem der ärmsten Länder Europas in den 1940er Jahren leben können?

Seine liebsten Primizgeschenke waren ein Kelch und ein Bild des guten Hirten; auf dem Gebetszettel zur Primiz steht als Bibelvers: „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ Josef nahm sich den guten Hirten zum Vorbild: Mit ganzem Einsatz war er in seinen Gemeinden unterwegs, oft zu Fuß und so ansprechbar für jeden. Selbst bei Eiseskälte, als viele lieber im Haus blieben, machte er sich auf den Weg. In den Häusern betete er mit den Menschen, den Kranken wandte er sich besonders zu und fasste ihre Wunden an. Schließlich hat er den guten Hirten gelebt, als er das Angebot der Soldaten des NS-Regimes, mit ihnen nach Deutschland zurückzukehren, ablehnte. Mit dem Erstarken des Kommunismus war klar, dass das Leben aller Kleriker in Gefahr geriet. Josef Marxen entschied sich bewusst dafür, bei seiner Gemeinde in Albanien zu bleiben. Vor seiner Ermordung war er mehr als ein Jahr inhaftiert. Ein damals 18-jähriger Mithäftling erinnert sich: „Pfarrer Josef Marxen war ein besonnener und reiner Mensch, er wurde von fast allen im Gefängnis verehrt.“

 (c) Cäcilia Giebermann

1944 kamen die Kommunisten unter dem Diktator Enver Hoxha in Albanien an die Macht und ermordeten vor genau 70 Jahren Josef Marxen. Was hat er dort in Albanien hinterlassen?

Er war ein überzeugter und überzeugender Missionar, das wirkt in seinen Gemeinden nach. Heute leben in Albanien Kinder und Enkel von Menschen, deren Leben er gerettet hat: Von seinen medizinischen und „diplomatischen“ Einsätzen habe ich schon berichtet. Ein drittes Feld war die Blutrache: Nach dem „Gesetz der Berge“ findet die Seele eines Getöteten erst Ruhe, wenn für ihn ein Mann aus der Täterfamilie erschossen wird, für dessen Seelenfrieden erneut ein Mann erschossen wird.

Diesen Kreislauf zu unterbrechen gelingt nur selten. Ein Priester kann, wenn er bei allen Beteiligten hoch geachtet ist, eine Versöhnung der Familien herbeiführen. Solche Versöhnungen sind Pfarrer Marxen gelungen.

Pfarrer Josef Marxen wird morgen in Shkodra im Norden Albaniens selig gesprochen. Was bedeutet das für Sie?

Mit der Seligsprechung wird sein christliches Leben als vorbildlich herausgestellt. Josefs Worte, bevor er aus dem Gefängnis abgeführt wurde, sind überliefert: „Ich bin glücklich. Ich werde nun sterben und man wird sich in Albanien daran erinnern, dass ich ein Zeuge für Christus war.“ Daraus spricht sein Glaubenszeugnis, das Mut macht. Es wird in seinem Abschiedswort aber auch deutlich, wie sehr dem deutschen Missionar die Albaner am Herzen lagen. Heute kommen viele junge Albaner zu uns nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Leider sind sie hier nicht gut angesehen. Nach dem Vorbild von Josef Marxen sollten wir ihnen mit mehr Offenheit und Herzlichkeit begegnen.

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