(c) Robert Boecker

Shary Reeves: „Staunen heißt für mich…“

  • 25.04.19 12:32
  • Birgitt Schippers
  •   Nachgefragt

Shary Reeves ist Moderatorin, Schauspielerin und hat früher mal in der 1. Fußball-Bundesliga der Frauen gespielt. Birgitt Schippers hat die gläubige Kölnerin getroffen und nachgefragt.

 

Frau Reeves, was bedeutet es für Sie zu staunen?

Etwas völlig Alltägliches. Ich kann mich zum Beispiel hinsetzen und mich fragen: „Warum heißt der Stuhl eigentlich Stuhl und nicht Tisch, und warum heißt die Blume nicht Straße?“. Ich sitze gerne mitten in der Stadt auf der Treppe und schaue die Menschen voller Staunen an. Denn ich weiß: Die Rechenzentren in der ganzen Welt sind nicht einmal ein Nanopartikelchen von dem, was ein einzelner Mensch ist. Aber ganz wichtig: Ich kann nur staunen, wenn ich innerlich positiv eingestellt bin, wenn ich offen und neugierig sein kann. Wenn ich negativ drauf bin, werde ich über nichts staunen. Staunen heißt doch in erster Linie, ich fühle mich gut, und das, was ich sehe, macht mich noch glücklicher, als ich es ohnehin schon bin. Staunen heißt für mich persönlich: Shary lebt.

Können die Menschen heute noch staunen?

Viele Menschen haben diese Fähigkeit nicht mehr, positiv und offen in die Welt zu schauen. Aber alles hängt davon ab, ob ich zulasse, was zum ureigensten Kern des Menschen gehört: menschlich zu sein. Und das heißt, die uns von Gott gegebene Verantwortung für die Natur, für unseren Lebensraum, für uns selber zu übernehmen. Ich finde es sehr erstaunlich, wie leichtfertig sich die Menschen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwänge unterwerfen, die sie davon abhalten. sich Zeit für andere Menschen zu nehmen, Freiräume zum Nachdenken zu schaffen und sich für die Schöpfung einzusetzen.

An welche Zwänge denken Sie?

Ich denke zum Beispiel an die Digitalisierung. Die Menschen glauben, wir leben in einem freien Europa, dabei werden sie längst kontrolliert und manipuliert von Leuten, die nur ihren Profit im Sinn haben. Wir leben in einer Zeit, die uns so lethargisch und phlegmatisch macht, dass wir gar nicht mehr daran denken, etwas zu verändern. Gleichzeitig ist da so ein Dauerzustand von Unzufriedenheit. Und die geflüchteten Menschen aus Afrika oder Osteuropa werden dann noch verantwortlich gemacht, dass alles so schlimm ist. In meinem Beitrag zum Buch „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ habe ich beschrieben, dass wir nur gemeinsam die Gesellschaft verändern können hin zu einem demokratischen Miteinander, das von positiver Veränderung lebt und nicht im Alten verharren muss.

Haben Sie schon mal über sich selbst gestaunt?

Ich würde nie sagen, ich bin halt so. Sondern ich bin oft überrascht über mich und sage zu mir: wow, du hast es jetzt doch anders gemacht als du vorher gedacht hast. Ich denke viel über mich nach, bin offen für Veränderungen und rede von morgens bis abends mit mir, seit meiner Kindheit. Und ich bedanke mich auch bei mir. Aber auch bei meinem Schutzengel, wenn es zum Beispiel auf der Autobahn eine brenzlige Situation gibt. Mit ihm bin ich auch immer im Kontakt.

Welche Aufgabe hat da die Kirche von heute?

Die Verantwortung der Kirche ist ohne Wenn und Aber dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder glauben. Weil nur der Glaube voraussetzt, dass man etwas verändern kann. Jemand, der so an gar nichts glaubt, warum soll der etwas verändern? Die Kirche sollte aber nicht einen dogmatischen Glaubensweg gehen mit so „Muss“-Sätzen wie: Du musst an diesen Gott glauben, er ist dein Herr, dein König. Sondern die Kirche sollte einfach dafür sorgen, dass Menschen wieder in Freiheit zum Glauben kommen und sagen: wir treffen uns jeden Sonntagmorgen, und dann können wir dieses großartige Gefühl miteinander teilen. Wir lachen und staunen gemeinsam. Wenn du eine Gemeinschaft hast, die glaubt, dann ist das mehr als Macht und Geld. Es ist die Macht einer Überzeugung, die nicht nur etwas bewegen kann, sondern langfristig zum Guten verändern kann. Dafür sind wir geboren, Mensch zu sein.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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