(c) Robert Boecker

Sternenpark: Den Sternen so nah

  • 11.06.19 15:50
  • Jan Sting
  •   Kurz und Knapp

Die Stunde der „Aaaahs“ und „Oooohs“ erlebt der Kölner Astronom Harald Bardenhagen etwa hundert Mal im Jahr. Immer dann, wenn er die Großstadtmenschen auf seine Sternenwanderung in der Eifel mitnimmt – eine kosmische Wanderung. Maximal 400 Meter zu Fuß legt die Sternengucker-Gruppe zurück, steht stundenlang und staunt, den Kopf in den Nacken gelegt: „Himmel, was für eine Aussicht!“ Wer die Milchstraße mit den eigenen Augen erblicken will, der fährt nach Gemünd und dann über die Bundesstraße 266 in Richtung Sternwarte Vogelsang. Hier ist der Himmel noch sternenklar. Denn während das Streulicht der Städte die Nacht erhellt, ist es im Eifeler Nationalpark zwischen Gemünd, Höfen und Heimbach noch richtig schön dunkel. Harald Bardenhagen kämpft mit seiner Astronomie-Werkstatt „Sterne ohne Grenzen“ dafür, dass es so bleibt.

Park mit Zertifikat

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Vor vier Jahren wurde der Nationalpark Eifel von der IDA (International Dark Sky Association) als erster Sternenpark Deutschlands ausgezeichnet, andere zogen mittlerweile nach. „Das Gütesiegel bekommt man dann, wenn man astronomische Bildungsarbeit und Möglichkeiten anbietet, die Sterne zu beobachten. Und man muss zwei Kommunen davon überzeugen, ihre nächtliche Beleuchtung zu verringern“, verrät Bardenhagen.

Das Abdunkeln ist ihm gelungen. Nachts setzt Heimbach seine Burg, Schleiden sein Rathaus etwas schummriger in Szene. Immer stärker gefragt ist die Bildungsarbeit des Astronomen Bardenhagen. Mittlerweile hat er jährlich drei- bis viertausend Sterngucker im Schlepptau, die von Einbruch der Dunkelheit bis zum Morgengrauen im Zweistundentakt kommen. In der Regel sind die Führungen ausgebucht. „Ich staune selbst noch über das Naturerlebnis. Und es ist für mich immer noch ergreifend zu sehen, dass die Leute hier stehen und in den Himmel schauen, wenn es dunkel wird und kalt. Ich hatte sogar schon eine Studentengruppe aus Peking hier“, sagt Bardenhagen. Der gelernte Pädagoge, der bis zu seiner Pensionierung in der IT-Branche arbeitete, liebt die Astronomie und wird nicht müde, bis tief in die Nacht den Gruppen mit allen Generationen mit dem Laserpointer immer neue Bilder am Nachthimmel zu erklären.

Eine Burg mit dunkler Geschichte

Schauplatz der Sternenwanderungen ist das Gelände der Burg Vogelsang. Die NS-Ordensburg dort war zwischen 1936 und 1939 Schulungsstätte für den Nachwuchs des Nazi-Führungskaders. Heute ist dort ein Museum, und das Netzwerk Kirche lädt hier zu Wanderungen auf dem Schöpfungspfad ein. Eine gebaute Sternwarte mit Kuppel steht dort allerdings nicht. Die Instrumente zur Sternenbeobachtung baut Bardenhagen vor jeder Führung stationär auf.  Auf einem freien Gelände hat er sein „Raumschiff“, einen Container, stehen, aus dem er seine Instrumente für die nächste Sternenwanderung hervorkramt: Er stellt Spiegelteleskope und Großferngläser auf dem begrünten Parkplatz auf. Nach Einbruch der Dunkelheit erläutert Bardenhagen den Besuchern dann die Sternenbilder: „Der große Wagen ist eher ein Bollerwagen.“ Der Fliegende Schwan sei aus anderer Perspektive das Kreuz des Nordens.  Anhand von Glasmurmeln demonstriert er die Dimension der Lichtjahre. Sharin El Abdouni aus Würselen steigt auf eine kleine Klappleiter, um in das Okular des mächtigen Spiegelteleskops zu schauen. Sie hat ihrem Freund Johannes Prinz die Sternenwanderung zum Geburtstag geschenkt. Beide sind begeistert: „Ich habe schon einiges über Astronomie gelesen. Aber mit solch einer Ausstattung sind die Eindrücke völlig neu. Die Bilder wirken ganz anders als im Buch“, schwärmt Prinz. Der Mond erscheint mit seinen Kratern im Fernrohr ganz hell, Saturn in ungewohntem Glanz.

Kampf gegen Lichtverschmutzung

„Die Unesco hat den Anblick der Sterne zum Menschenrecht erklärt“, sagt Bardenhagen. Doch dass er erst zum „Lobbyist der Finsternis“ werden musste, um ausgerechnet diesem Recht Nachdruck zu verleihen, zeigt, dass noch viel Aufklärungsarbeit zur Lichtverschmutzung zu leisten ist. Der Begriff steht dafür, dass die Städte nachts so hell erleuchtet sind, dass der Sternenhimmel von der Erde aus kaum oder gar nicht mehr zu sehen ist. 30 Millionen Menschen leben in den benachbarten Ballungsgebieten. Sie fahren bis zu zwei Stunden mit dem Auto, um das spektakuläre Nachtleben ausgerechnet in der Eifel zu erleben. Eine neue Studie zeigt: In Europa und den USA leben fast alle Menschen (99 Prozent) unter einem stark bis leicht verschmutzten Himmel. In Europa können 60 Prozent der Bevölkerung die Milchstraße nicht mehr sehen. „Viele Eltern kennen sich am Himmel nicht mehr aus und kommen mit ihren Kindern gerne in die Eifel, um in den Himmel zu schauen“, weiß Michael Lammertz, Fachgebietsleiter Naturerleben des Nationalparks Eifel. Wer an einer Sternenwanderung teilgenommen habe, ist er überzeugt, gehe anschließend sparsamer mit Licht und Strom um und werde auch für das Thema Arten- und Klimaschutz sensibilisiert.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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