Tafeln: mehr als "nur" Lebensmittel

  • 05.10.16 12:50
  • Anna Woznicki
  •   Im Auftrag des Herrn

Häufig stehen bedürftige Menschen in langen Schlangen vor den Lebensmittelausgaben. Man kennt sich, wechselt ein paar Worte – oder möchte möglichst unerkannt und schnell bedient werden. Ralph K. kennt dieses Gefühl. „Auf einmal wird man in seiner ganzen Lebenssituation so sichtbar“, beschreibt er seine Lage und nimmt eine Einkaufstüte entgegen. Ein halbes Brot, ein Salat, zwei Äpfel, Joghurt, Käse und Salami. Damit wird er erst einmal auskommen. „Danke!“, sagt er und lächelt Marianne B. an. Wie es ihm denn heute gehe, fragt sie. „Muss“, erwidert er und zuckt die Schultern. Ralph K. schätzt die Frau, die ihm die Einkaufstüte füllt. Er wüsste nicht, wie er es manchmal ohne die Lebensmittelhilfe schaffen würde und freut sich, wenn Marianne B. ihn etwas fragt oder ihm freundlich zulächelt. Unangenehm ist es ihm aber doch stets, wenn er erwähnt, dass er immer noch keine Arbeit hat. Dann wünscht er sich woanders hin. An einen Ort, der nicht ausgrenzt, der aus ihm keinen Menschen zweiter Klasse macht. Im Grunde schämt er sich zutiefst und fühlt sich „ganz unten angekommen“.

Tafeln lohnen sich für Unternehmen

Verschärft hat sich die Situation für Menschen wie Ralf K. durch die 2005 veränderte Sozialgesetzgebung, die pauschalierte Regelsätze zum Lebensunterhalt vorsieht. Kritiker halten die Neuregelung für lebensfremd. Seitdem ist die Zahl der Tafeln und anderen Lebensmittel- und Essensausgabestellen im Bundesgebiet gestiegen. Für die Lebensmittelindustrie sind Tafeln gleich ein mehrfacher Gewinn. Die kalkulierte Überproduktion muss nicht teuer entsorgt werden. Stattdessen wird die Ware kostenlos Tafeln überlassen. Dafür erhalten die Firmen nicht selten Spendenquittungen fürs Finanzamt. Diese „Wohltätigkeit“ ist neben dem finanziellen auch ein moralischer Gewinn. Nicht der hungernde Mensch ist Treibkraft für dieses Handeln, sondern im Fokus stehen die Kosten im Unternehmen, die dadurch sinken, dass die Vernichtung von Lebensmitteln vermieden wird.

Wer hat welche Verantwortung?

Kritiker von Tafeln wenden ein, dass sich die öffentliche Hand zunehmend auf diesen wachsenden und immer besser funktionierenden Warenkreislauf verlässt und sich somit aus der Verantwortung stiehlt, für bedarfsgerechte und auskömmliche Regelsätze zu sorgen. „Was hier passiert, ist eine Verschiebung der sozialstaatlichen Verantwortung auf die Mildtätigkeit und Barmherzigkeit in der Nachbarschaft“, sagt Michaela Hofmann, Armutsexpertin des Diözesan-Caritasverbandes. Jedem Menschen müsse die Möglichkeit eines selbstbestimmten Einkaufens zugestanden werden. Richtig einkaufen geht Ralph K. nur sehr selten. „Das ist Luxus, den nicht jeder hat“, sagt er. „Wenn ich mal eine Arbeit gefunden habe, dann mache ich den ganzen Einkaufswagen voll mit Sachen, die ich mir selber ausgesucht habe!“ Die Hoffnung, wieder Arbeit zu finden, gibt er nicht auf. Als kürzlich der Andrang an der Essensausgabe nicht so groß war, hatte Marianne B. mit ihm Bewerbungen geschrieben und Bewerbungsgespräche geübt. Er hofft, dass es beim nächsten Arbeitsangebot etwas nützt.

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