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Taizé - der kleine Frühling

  • 14.04.17 13:46
  • Michelle Olion
  •   Glaubensmagnete

Wenn mir jemand am Ostermontag vor sieben Jahren gesagt hätte, dass ich von nun an jedes Jahr die Tage zähle, bis ich wieder eine Woche lang fast nur draußen, ohne Handy und ohne Fernseher verbringen werde, hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Als ich jedoch kurz darauf nach einer Woche aus dem kleinen Bergdorf Taizé, das im Osten Frankreichs vor sich hin schlummert, zurückfuhr, überlegte ich bereits, wo ich einen Abreißkalender herbekommen könnte. Taizé, wie es heute ist, beginnt im Jahr 1940 mit dem jungen Roger Schutz, welcher nach Frankreich zog und beschloss in seinem Haus Kriegsflüchtlinge und Juden aufzunehmen und mit dem Nötigsten zu versorgen. Nach einigen Jahren, die er in der Schweiz verbrachte, kam er mit Freunden nach Frankreich zurück und schon bald schlossen sich weitere Männer der Gemeinschaft an. Die Communauté de Taizé wurde 1949 von damals nur sieben Brüdern gegründet, die ihr Gelübde ablegten und sich somit einverstanden erklärten, von nun an ein einfaches und eheloses Leben, gelenkt durch den Glauben an Gott, zu führen. Frère Roger wurde ihr Prior und gab im Jahr 1960 in Zusammenarbeit mit seinen Brüdern schließlich auch Jugendlichen die Möglichkeit, Taizé zu besuchen und eine Zeit lang dort zu bleiben. Das Ziel der Zusammenkunft war es, sich mit Jugendlichen aus verschiedenen Ländern über Glauben, Gott und spirituelle Themen auszutauschen.

Einfaches Leben verbindet

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Das Leben in Taizé ist sehr einfach gestaltet. Es gibt Baracken und Zelte zum Schlafen, einen Kiosk und einen Platz, an dem abends Musik gemacht wird und die verrücktesten Spiele gespielt werden. Das Essen ist für die meisten zunächst gewöhnungsbedürftig, da es wirklich nur sehr einfache Mahlzeiten sind. Man gewöhnt sich jedoch schnell daran und die meisten vermissen an ihrem ersten Tag zurück in der Heimat ganz besonders das typische Taizé-Frühstück; Baguette mit Butter und Schokoladenstangen.

Das größte Gebäude ist die Kirche, die „Eglise de la Réconciliation“, was übersetzt „Versöhnungskirche“ heißt. Wer denkt, diese Kirche sei wie jede andere, der täuscht sich: Sie ist sehr groß und es gibt kaum Stühle oder Bänke. Die Leute sitzen, genau wie die Brüder, während dem Gebet auf dem Boden. Der Altarraum ist mit Tüchern in warmen Orange- und Gelbtönen gestaltet, die von der hohen Decke bis auf den Boden hängen. In den Ecken stehen Steine mit Teelichtern. Auch der Aufbau der Gebete ist anders, als die meisten ihn kennen. Es wird zwar ein Evangelium in mehreren Sprachen vorgelesen, doch hauptsächlich wird gesungen. Die Taizé-Lieder sind meist kurze Sätze, teils Psalme, die sich immer wiederholen und oft auch im Kanon gesungen werden. An Feiertagen wie jetzt an Ostern oder im Sommer, wenn die meisten Besucher da sind, kann man dem Klang von 5000 Stimmen lauschen. Die Kirche ist die ganze Nacht durch geöffnet. Jeden Abend gibt es nach dem Gebet die Möglichkeit, sitzen zu bleiben und mit den anderen Menschen zu singen – so lange, wie man möchte.

Die Taube am Herzen

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Aber was ist es nun, was die vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur zu diesem Ort zieht? Für die meisten ist es wohl die Art von Gemeinschaft, die zwischen den Jugendlichen während der Woche nach Ostern entsteht. Sie fahren als Fremde in das kleine Dorf und steigen eine Woche später als Teil eines Ganzen wieder in den Bus ein. Sie sind verbunden, nicht nur durch die Taizé-Kette, die eine Verbindung aus Kreuz und Taube darstellt und von den meisten Reisenden getragen wird, sondern auch durch das gemeinsame Leben und die Erfahrungen, die sie gemacht haben.

Was zu Hause noch unmöglich scheint, wird hier einfach gemacht; die kleinen Arbeiten werden von jedem erledigt, denn es ist nicht viel, was der Einzelne zu einem gemeinsamen Leben beitragen muss, solange nur jeder mit anpackt; jeder wird akzeptiert, wie er ist, mag er noch so verrückt sein. Und selbst die „Generation Smartphone“ kommt hier eine Woche ohne Handy aus. Man ist nicht erreichbar und doch erreicht man so viele Menschen, wie es sonst kaum möglich ist.

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