(c) Lars Schäfers

Theologie studieren und Sinn suchen

  • 22.06.20 10:16
  • Lars Schäfers
  •   Kurz und Knapp

„Theologiestudium: Weil bei Ungewissheit einfache Antworten nicht weiterhelfen...“ – das ist einer der Slogans, mit denen die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Bonn derzeit für ihr Studienangebot wirbt. Er enthält eine Einsicht, die auch für mich persönlich einer der Gründe war, als erster in meiner Familie an die Universität zu gehen und nach einem kurzen erfolglosen Ausflug in die Geografie Katholische Theologie zu studieren. Schnell merkte ich, dass Katholische Theologie ein Fach mit Exotenstatus ist, wozu auch das insgesamt schlechte Image der Kirche beiträgt. Warum man denn heute noch Katholische Theologie studieren könne, ist eine mal verblüfft, mal neugierig, mal misstrauisch geäußerte Frage, die zum ständigen Studienbegleiter avancierte. Meine Antwort lautete meistens: Mein Beweggrund ist die Suche nach Sinn und das Bedürfnis, den christlichen Glauben katholischer Spielart auf wissenschaftlichem Niveau zugleich kritisch zu prüfen und viel tiefer kennenzulernen. Theologie ist eine Sinnwissenschaft. Bereits seit dem Ende meiner Schulzeit und während meines darauffolgenden Zivildienstes in einer Kirchengemeinde trieb mich mit Goethe gesprochen die Frage um, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Ist es der von Christinnen und Christen geglaubte dreifaltige Gott? Und was hat es mit Jesus Christus eigentlich auf sich? Daher musste es für mich einfach Katholische Theologie als die Wissenschaft sein, die „aufs Ganze“ geht. Eine Disziplin, welche die Universalität der Wirklichkeit vor dem Sinnhorizont des christlichen Glaubens betrachtet und deshalb auch an die staatliche Universität gehört. 

Sinnerleben und existenzielle Fragen in der Theologie

Es gibt kein allgemeinverbindliches Sinnsystem in unserer pluralistischen Gesellschaft mehr. Und das ist gut so, da es die Freiheit der Sinnsuche der Einzelnen gewährleistet. Dementsprechend war ich im Theologiestudium fast immer auch persönlich involviert. Es ging fast immer auch um einen selbst und um den eigenen Glauben; um ein Nachdenken über und ein Gespräch mit Gott. Sinnerleben hängt eng mit Lebensqualität und Glück zusammen, Religion kann in diesem Sinne der Forschung zufolge sogar wesentlich zur Lebensqualität beitragen. Diese Lebensrelevanz der von der Sinnwissenschaft Theologie behandelten existenziellen Fragen reizt mich bis heute. Doch geht es in der Theologie nicht nur um das persönliche Sinnerleben, traditionell „Seelenheil“ genannt. Theologie ist ein kleines Studium Generale. Theologinnen und Theologen widmen sich auch ganz aktuellen Fragen der heutigen Zeit, wie dem Umgang mit der Digitalisierung, dem religiösen Fundamentalismus oder dem Klimawandel. Gerade die theologische Ethik widmet sich einem entsprechend vielfältigen Themenspektrum. Sie ist mein Heimatfach innerhalb der Theologie geworden. Man muss nicht fromm sein, um Theologie zu studieren. Die Kirchengebundenheit der Theologie kann man aber nicht ausblenden. Dabei müssen sich Kirchlichkeit und wissenschaftliche Freiheit der Theologie gar nicht ausschließen. Heute bin ich beruflich im kirchlichen und universitären Dienst leidenschaftlich Theologie treibend tätig. Dank meines Studiums habe ich auch beruflich das gefunden, was als das Sehnsuchtsziel schlechthin der Generation Y gilt: Sinn.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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