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Therapie im Takt

  • 31.08.17 09:16
  • Martin Mölder
  •   Kurz und Knapp

Rund 250.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall. Bei 90 Prozent von ihnen ist der Bewegungsapparat betroffen. Experten unter anderem von der  Universität Magdeburg  schätzen, dass mindestens einem Drittel dieser Patienten eine Musiktherapie helfen würde, also immerhin etwa 70.000 Schlaganfall-Patienten. Der Grund: Anders als andere Fähigkeiten ist die Musikalität nicht in einer eng umrissenen Hirnregion angesiedelt. Musik spricht vielmehr neben dem Gehör auch den Bewegungsapparat an, das Gefühl und den Verstand. Wenn wir musizieren oder auch nur Musik hören, spielen diese Teile des Gehirns wie in einem Orchester zusammen. Weil bereits die kurze Beschäftigung mit Musik offenbar messbar das Gehirn verändert und sozusagen „umbaut“, ist die Therapie mit Hilfe musikalischer Elemente für Schlaganfall-Patienten besonders geeignet. Denn nach dem Anfall sind zwar oft die grundlegenden motorischen Fähigkeiten des Muskelapparats mehr oder weniger stark eingeschränkt, aber nicht verschwunden. Sie wieder zu finden und wieder zu beleben, ist das Ziel der Therapie, auch der Musiktherapie. Das Problem: Eine wasserdichte Definition von Musiktherapie gibt es nicht, obwohl sie ein eigenständiger wissenschaftlicher Zweig ist.

Singen funktioniert, sprechen nicht

Die Methoden Musik therapeutisch einzusetzen sind so vielfältig, dass auch Psychologen und Psychotherapeuten ohne musiktherapeutische Zusatzqualifikation Instrumente, Klangschalen oder Musik per CD einsetzen, um ihren Patienten zu helfen. Manche Schlaganfall-Patienten können nicht einmal ihren Namen sagen, aber ein Lied wie „Happy Birthday“ fehlerfrei singen. Die Erklärung: Das Gehirn arbeitet beim Hören von Musik auf Hochtouren. „Die Netzwerke im Hirn, die Musik verarbeiten, überlappen mit allen anderen Netzwerken“, erklärt Professor Eckart Altenmüller, Musikmediziner und Neurologe an der Musikhochschule Hannover. Nicht nur das Hörzentrum ist aktiv, auch das visuelle Zentrum arbeitet: Vor dem inneren Auge ziehen Bilder vorbei. Ein Stück berührt emotional, weil das limbische System, der Sitz der Gefühle, damit verknüpft ist. Gleichzeitig wird der Teil des Gehirns, der für das Planen zuständig ist, aktiviert: „Unbewusst vermutet man, wie die Melodie weitergehen könnte“, sagt Altenmüller.

Klassik statt Techno

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Wirkt aber jede Musik heilend auf die Psyche? Fragt man Musiktherapeuten bekommt man ein ziemlich eindeutiges „Nein“. Klassische Musik besitzt besonders starke Heilkraft bei vielen psychischen und körperlichen Krankheiten. Günstige Effekte bei Ängsten, Depressionen und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sind ebenso nachgewiesen wie die Steigerung der Konzentration, des Gedächtnisses und der Kreativität.

Außerdem beeinflusst klassische Musik  und Tatkraft und das Immunsystem positiv. Viele Ärzte empfehlen das Hören von klassischer Musik bei Schmerzen, Stress und Schlafstörungen. Aber nicht nur bei alten Menschen wirkt Musiktherapie heilend, sondern auch bei Kindern. Der große Unterschied. Kinder sollen, wenn möglich, selbst zu Instrumenten greifen und damit musizieren. Dabei kommt es nicht auf Perfektion an. Ob gerade oder schiefe Töne, das eigene Musizieren von und mit zum Beispiel geistig behinderten oder autistischen Kindern kann viel bewirken. Der kleine Mustafa ist so ein Fall. Mustafa konnte aufgrund einer autistischen Störung nicht sprechen. In der Musiktherapie wurde er motiviert, auf dem Klavier herum zu klimpern oder mit verschiedenen Trommeln zu experimentieren. Dadurch lernte Mustafa sich auch ohne Worte auszudrücken, bis er dann eines Tages tatsächlich erste Laute über die Lippen brachte. Mittlerweile kann Mustafa sprechen.

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