(c) Kirche in Not

Ukraine: „Menschen sehnen sich nach Oasen des Friedens“

  • 07.05.19 13:41
  • Tobias Lehner
  •   Nachgefragt

Exzellenz, der mittlerweile fünfjährige Krieg in der Ostukraine findet nahezu unter „Ausschluss der Öffentlichkeit“ statt. Die Menschen in den betroffenen Regionen um Donezk und Luhansk sind isoliert. Was wissen Sie über ihre Situation?

Weibischof Kawa: Ich habe Kontakt zu vielen Menschen, die im Kriegsgebiet leben. Die materielle Not ist enorm. Besonders im Kreis Luhansk ist die Lage dramatisch. Die Menschen sind die Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine leid. Sie möchten einfach in Frieden leben. In Donezk und Luhansk gibt es kleine katholische Kirchen. Sie sind immer voll. Die Menschen sehnen sich nach Oasen des Friedens. Das versucht die Kirche zu erfüllen.

Sie haben im Auftrag der Ukrainischen Bischofskonferenz die Verteilung der Hilfsgelder organisiert, die bei der Sonderkollekte in allen katholischen Kirchen Europas im April 2016 gesammelt wurden. Was haben diese Gaben bewirkt?

Es sind fast 16 Millionen Euro zusammengekommen. Wir sind nach der Überlegung vorgegangen: Wenn wir einem Menschen helfen wollen, der durch den Krieg alles verloren hat, dann muss er zuerst ernährt und gekleidet werden. Er muss menschenwürdig wohnen können und Hilfe bekommen. Die meisten Spendengelder haben wir deshalb für Lebensmittel und Kleiderspenden verwendet. Dann folgten Ausgaben für Medikamente und weitere medizinische Hilfen. Wir haben mit den Geldern Notunterkünfte und Wohnungen für tausende Vertriebene und Kriegsflüchtlinge schaffen können.

 (c) Kirche in Not

Zwei Kirchen, die sich in der Vergangenheit von der russisch-orthodoxen Kirche getrennt hatten, haben sich zur „Orthodoxen Kirche in der Ukraine“ vereinigt. Wird aus Ihrer Sicht die selbstständige orthodoxe Kirche die Ukraine weiter einen oder spalten?

Für uns Katholiken macht es den Dialog leichter. Die „Orthodoxe Kirche in der Ukraine“ hätte eigentlich schon nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstehen sollen. Viele Ukrainer haben sich in der Kirchenfrage zusammengetan. Das ist ein Beitrag zur Einheit. Aber klar sein muss auch: Wir Christen vereinen uns um Jesus – nicht um eine Partei oder einen Präsidenten. Das schafft unnötige Wunden.

Bei Ihrer Weihe im Mai 2017 waren Sie der jüngste Bischof der Weltkirche. Viele der jungen Leute sehen in der Ukraine keine Zukunft mehr und gehen ins Ausland. Ist dieser Trend zu stoppen?

Wir bemühen uns vor allem, in Kontakt zu bleiben mit den jungen Leuten, ob sie nun für kurze Zeit ins Ausland gehen oder für immer. Wir möchten, dass sich jeder junge Mensch als Teil einer Gemeinschaft fühlt und jederzeit willkommen ist. Die jungen Männer und Frauen sollen auch im Ausland ihren christlichen Glauben nicht anonym leben. Dazu versuchen wir sie zu ermutigen, durch Austausch, Seminare und Begegnungen. Wir greifen Themen auf, die junge Menschen heute bewegen. Mein Eindruck ist: Die jungen Leute, die diese Gemeinschaft für sich entdecken, wollen ihr Land nicht mehr verlassen, so schwer es auch bisweilen ist. Sie wollen bleiben und etwas verändern.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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