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Unser Glaube ist sozial

  • 15.10.21, 10:39
  • Lars Schäfers

Was christliche Sozialethik ist, kann man am Beispiel des biblischen Gleichnisses vom barmherzigen Samariter illustrieren: Ein Mann geriet auf der Straße von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber, die ihn ausplünderten und mit schweren Verletzungen zurückließen. Ein vorbeikommender Priester sah den Verletzten, ging jedoch weiter; ebenso ignorierte ihn ein Levit. Schließlich sah ein Samaritaner den verletzten Mann, versorgte dessen Wunden und transportierte ihn auf seinem Esel zur Herberge. Im Gespräch mit einem Schriftgelehrten fragt Jesus, wer von den dreien dem Überfallenen der Nächste gewesen sei. Der Schriftgelehrte antwortet, dass es der Samaritaner gewesen sei. Daraufhin fordert Jesus ihn auf, ebenso zu handeln. So geht christliche Nächstenliebe. Christlicher Sozialethik hingegen geht es zum Beispiel darum, durch Maßnahmen der Verbrecherbekämpfung die Straße zwischen Jericho und Jerusalem sicherer zu machen, damit niemand mehr dort überfallen wird.

„Soziallehre auf zwei Beinen“ werden

Die katholische Kirche hütet mit ihrer Soziallehre einen sozialethischen Schatz, den sie nicht verstecken sollte: Katholische Soziallehre, das ist die päpstliche Sozialverkündigung inklusive deren Interpretation, kritische Begleitung und Weiterführung durch das theologische Fach der Christlichen Sozialethik. Die katholische Soziallehre vermittelt zwischen dem Sehen der je aktuellen Zeichen der Zeit, dem Urteilen im Licht des Evangeliums und dem Handeln zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Dabei möchte die katholische Soziallehre die soziale Dimension des christlichen Glaubens im Sinne gesellschaftlich-politischer Diakonie auch für Nichtglaubende fruchtbar machen. Als offenes, dynamisches Lehrgefüge bietet die katholische Soziallehre allen Menschen guten Willens einen Fundus an orientierenden Werten und Prinzipien an. Die bekanntesten sind Personalität, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit. Oberster Maßstab ist die menschliche Person in ihrer Gottesebenbildlichkeit. Griffig formuliert bedeutet das: die Gesellschaft ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen hat absoluten Vorrang. Diese Lehre ermutigt Christinnen und Christen dazu, für eine gerechte Gesellschaft und eine intakte Umwelt Sorge zu tragen. Gerade die einzelne Christin und der einzelne Christ kann kraft Taufe und Firmung in solidarischer Zeitgenossenschaft Mitverantwortung in der säkularen Gesellschaft tragen und dadurch „Soziallehre auf zwei Beinen“ (Papst Franziskus) werden.

Die richtige Richtung

Dennoch gilt die katholische Soziallehre gemessen an ihrer Bekanntheit in Deutschland immer mehr als das „bestgehütete Geheimnis der Kirche“. Wer es sich erschließen möchte, dem empfiehlt sich der Docat: der Sozialkatechismus, der nach dem Vorbild des Jugendkatechismus Youcat in verständlicher Sprache vermittelt, was die Kirche zu den sozialen Fragen zu sagen hat. „Niemand kann das Evangelium hören, ohne sozial herausgefordert zu sein“, heißt es darin. Unser Glaube ist sozial. Wer nur nach seinem individuellen Seelenheil trachtet, hat ihn nicht verstanden. „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6): Diese Verheißung Jesu betrifft auch den Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Die Soziallehre kann dabei als Kompass dienen.

AdventsZeit 2021 (c) Robert Boecker

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