(c) Robert Boecker

Unterwegs zuhause

  • 27.01.20 10:17
  • Markus Harmann
  •   Kurz und Knapp

Jürgen Schneider zieht seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie. „Anschrift: Stadt Köln“ steht da auf dem Aufkleber der Rückseite. Bis vor kurzem gab es diesen Aufkleber noch nicht. „Kein Hauptwohnsitz in Deutschland“ war stattdessen zu lesen. „Das wurde mir irgendwann zu bunt“, sagt er und lacht. „Einige dachten, ich würde auf Mallorca wohnen.“ Kaum einer glaubte ihm nämlich, dass er gar keinen Wohnsitz hat – weder in Deutschland, noch im Ausland. Seit mehr als 25 Jahren lebt Jürgen Schneider aus dem Rucksack. Er reist kreuz und quer durch Deutschland. Genauer gesagt: Er wandert, fährt mit dem Bus, dem Zug, lässt sich im Auto mitnehmen. Und manchmal fliegt er auch. Meist dann, wenn er für das Armutsnetzwerk, eine bundesweite Initiative von sozial Benachteiligten, unterwegs ist. 56 Jahre, nie verheiratet, keine Kinder, abgebrochene Bäckerlehre, lange, lockige Haare, dichter grauer Bart. Schneider ist einer von geschätzt 860.000 Wohnungslosen in Deutschland. Die Zahl ist zuletzt drastisch gestiegen, vor zehn Jahren waren es noch 230.000. Die Ursachen sind bekannt: Trennung, Jobverlust, Krankheit – all das kann dazu führen, dass Menschen die soziale Absicherung verlieren und ihre Wohnung aufgeben müssen. Steigende Mieten vor allem in den Großstädten und viel zu wenige Wohnungen verschärfen das Problem.

Eine feste Wohnung ist keine Option

Im Gegensatz zu den meisten Wohnungslosen sucht Schneider allerdings keine feste Bleibe. „Man kann mich nicht mehr ansiedeln“, sagt er, während er über den Kölner Roncalliplatz hinunter zum Rhein spaziert. Ein Versuch, zurückzukehren ins bürgerliche Leben, sei vor Jahren kläglich gescheitert. In Mainz wurde er kurz sesshaft, hatte sogar einen Job, ein Sozialarbeiter kümmerte sich um ihn. Doch das Experiment misslang. Was vor allem an Schneider selbst lag: „Ich möchte nicht sein, wie die Leute mich haben wollen“, sagt er und wirkt zufrieden. Persönliche Freiheit gehe ihm über alles. Selbst zu entscheiden, wo und wie man lebt, mit wem man Kontakt hält – das ist seine Lebensmaxime. Er weiß aber, dass die meisten Menschen nicht so denken wie er. Über seine Kindheit in Solingen möchte er eigentlich nicht sprechen, sagt nur, dass er seinen Eltern „wenig Freude“ gemacht habe, ständig ausgerissen und im Heim gelandet sei. Das unstete Leben wurde seins. Bis heute weiß er nicht, was aus seinen Eltern und Geschwistern wurde. Ein Leben auf der Durchreise, unterwegs zuhause. Heimat? „Jedenfalls nicht an einen Ort gebunden, nur an Menschen“, sagt Schneider.

Sprachrohr und Lobbyist für Wohnungslose

Sein Smartphone klingelt. Ein alter Bekannter und Mitstreiter. Er will von Jürgen Schneider wissen, wie der Ablauf ist beim Treffen der Menschen mit Armutserfahrung in einigen Monaten. Mehrmals im Jahr findet ein solches Treffen statt, meist in Berlin und Köln. Dutzende Menschen kommen dann zusammen, sie alle verbindet, dass sie zum Beispiel wohnungslos, arbeitslos oder alleinerziehend sind und manchmal den Antrieb verloren haben und den Glauben daran, dass es noch gerecht zugeht in dieser Gesellschaft. Viele leben am Rande der Exis-tenz. Manchmal mit erschreckenden Armutsbiografien: Jobverlust, Alkohol, Obdachlosigkeit. Sie kommen allein oft nicht heraus aus dem Elendskreislauf. Deshalb organisieren sie sich – und Jürgen Schneider ist einer ihrer Sprecher. In dem Telefongespräch geht es um die Frage, wie die Menschen zum Treffen kommen, wer ihre Bus- oder Bahntickets zahlt. Jürgen Schneider macht sofort einen Vorschlag. Er weiß, dass vor allem Wohnungslose keine Lobby haben. Auch deshalb engagiert er sich. Sein Vorteil: Die, für die er eintritt, nehmen ihn als einen aus ihrer Mitte wahr und vertrauen ihm. „Um das machen zu können, muss ich glaubwürdig sein“, sagt er, als er aufgelegt hat.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2020.

Zur SommerZeit 2020 »