(c) Robert Boecker

Vier Pfoten als Lebensversicherung

  • 27.01.20 10:06
  • Robert Boecker
  •   Kurz und Knapp

Die Wurst fest im Blick. Das ist das Geheimnis moderner Tierdressur. Auch bei „Jablou“. Dafür tut er alles. „Leberwurst funktioniert immer“, sagt Isabelle Jacobs und drückt lachend einen Klecks der Wurst aus der Tube, die sie in einer der vielen Taschen ihrer neongrünen Jacke verstaut hat. Das kleine bisschen Wurst pappt die sympathische junge Hundetrainerin vorsichtig in etwa einem Meter Höhe an den Mast einer Ampel, die einen Fußgängerüberweg über eine vielbefahrene Straße in Sankt Augustin sichert. In einem Abstand von vielleicht zehn Metern steht Tanja Sieloff und wartet. Neben ihr sitzt mit gespitzten Ohren und hellwachen Augen ihr Hund „Jablou“, ein zweijähriger Australian Shepherd. Egal ob schwere LKW über die Straße donnern, die S-Bahn nur wenige Meter hinter ihm mit quietschenden Bremsen an der Haltestelle stoppt oder eine junge Frau mit einem kleinen Hund an der Leine nur wenige Zentimeter an „Jablou“ vorbeigeht: Sein blaues und sein braunes Auge haben nur Hundetrainerin Jacobs im Blick. „Jablou“ weiß, was er tun muss, um in den Genuss der köstlichen Wurst zu kommen. Wenn seine Besitzerin Tanja Sieloff den Befehl „Ampel“ gibt, muss er sich in Bewegung setzen und auf direktem Weg zum Ampelmast gehen. Der Befehl kommt. Sofort geht der Hund los. Ohne zu zögern, führt er sein „Frauchen“ zur Ampel, wo die Belohnung wartet. Dort angekommen fährt blitzschnell die Zunge aus dem Maul, und die Wurst ist weg. Dann heißt es warten. „Der Hund muss erkennen, wann die Ampel grün zeigt und die Straße gefahrlos überquert werden kann“, erklärt Isabelle Jacobs den Sinn der Übung.

Dressur mit Zeugnis

 (c) Robert Boecker

Auch wenn „Jablou“ schlau und vom Wesen seiner Rasse her sehr lernbegierig ist, werde es noch viel Training brauchen, ehe er das Zeugnis „Blindenführhund“ ausgestellt bekommt, sagt Jacobs, die nicht nur Hundetrainerin ist, sondern auch Therapie- und Blindenführhunde ausbildet. „Der Hund ist jetzt mein Lebenselixier. Er hält mich in Bewegung, gibt mir Aufgaben und ist ein treuer und anhänglicher Freund und ständiger Begleiter. Aber der Tag wird kommen, an dem er auch meine Lebensversicherung sein wird“, sagt Sieloff und wird ernst, während sie diese Worte ausspricht. Auf die lebensfrohe Mutter von zwei erwachsenen Töchtern wartet ein schweres Schicksal:

 „Ich leide an einer sehr seltenen Augenkrankheit, die mit absoluter Sicherheit irgendwann zur Erblindung führen wird. Wann das sein wird, das weiß nur der liebe Gott.“ Schon jetzt sei ihre Sehfähigkeit erheblich eingeschränkt. Nach der Überwindung des Schocks der Diagnose habe sie beschlossen, ihr Schicksal mit Unterstützung ihrer Familie selbst in die Hand zu nehmen.

Vertrauen zwischen Mensch und Tier

„Jablou“ lernt, lernt und lernt. Auf Befehl kann er Socken und Handschuhe ausziehen. Er hebt Gegenstände auf, die auf den Boden fallen, und bringt sie seiner „Chefin”. „Daheim trägt er mir aus dem ersten Stock unseres Hauses auf Kommando aus dem Wäschekorb ein Teil nach dem anderen zur Waschmaschine“, berichtet Tanja Sieloff. Der Alltag ist ein einziges Trainingsprogramm, das dem Hund gefällt. Mit Unterstützung von Isabelle Jacobs bekommt „Jablou“ in den kommenden Monaten noch viel beigebracht. „Wir üben Aufzug fahren, Treppen steigen, Tanja im Restaurant zu einem freien Stuhl zu führen, S-Bahn zu fahren und vieles mehr“, erklärt sie. Tanja Sieloff ist ehrlich genug zu erwähnen, dass es in der Beziehung zu dem vierbeinigen Freund auch eine schwierige Phase gegeben hat: die Pubertät. Diese Zeit sei schrecklich gewesen, doch mit Hilfe der Hundeexpertin habe diese Krise bewältigt werden können. „Jablou musste lernen, mir zu vertrauen – und ich ihm. Ich freue mich auf noch ganz viele Jahre mit diesem wundervollen, schlauen und liebenswerten Hund.“ Als sie ihre Lobeshymne auf den Vierbeiner beendet hat, reicht ihr „Jablou“ die Pfote und schleckt wie zur Bestätigung einmal durch Tanja Sieloffs Gesicht.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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