(c) Robert Boecker

„Warum reden wir über Sex, aber nicht über unseren Glauben?“

  • 24.08.21, 16:13
  • Birgitt Schippers
  •   Nachgefragt

Husch Josten besucht oft das erzbischöfliche Kunstmuseum Kolumba. Es ist für sie ein Ort der Ruhe, an dem sie zu sich kommen und Abstand finden kann. Denn in ihrem Kopf sammeln sich die Fragen unserer Zeit, die nach Antworten suchen. „Es ist etwas sehr Schönes, mich mit Fragen zu beschäftigen, auf die ich keine Antwort finde“, sagt sie. Schon als Kind wollte sie Romanautorin werden und in aller Freiheit mehr erzählen, als Fakten es können. Ihre Eltern schenkten ihr eine blaue Plastikschreibmaschine, als sie fünf Jahre alt war. Und sie begann, mit ihrer Familie über Geschichten zu kommunizieren. Mehr von der Welt erfahren, in die Tiefe gehen – ihr Lebensleitfaden. Sie hat Staatsrecht und Geschichte studiert, um die gesellschaftlichen Zusammenhänge besser zu verstehen. Als gelernte, international erfahrene Journalistin geht sie auch als Romanautorin allen Themen, die sie beschäftigen, akribisch auf den Grund.

Was glaubst du?

Husch Josten ist eine gläubige Katholikin. Und sie hat bei offiziellen Einladungen und Gesprächen mit Freunden beim Abendessen die Erfahrung gemacht, dass es den meisten Menschen schwerfällt, über den Glauben zu reden. Es werde regelrecht als übergriffig empfunden, darauf angesprochen zu werden. „Ich finde es spannend, dass Leute eher über ihr Sexleben reden als über ihren Glauben“, stellt sie fest. Warum eigentlich? Es ist für Husch Josten schwer zu verstehen, dass es als ungehörig empfunden wird, nach dem eigenen Glauben gefragt zu werden. Möglicherweise liegt es daran, dass Menschen oft nach Worten ringen um etwas, das sie nicht erklären können. Die Angst steht im Raum, sich lächerlich zu machen.

Unchristliche Suche nach einfachen Antworten

 (c) Robert Boecker

Husch Josten ließen diese Gedanken nicht los. Und sie hat den Roman „Land sehen“ geschrieben. Darin konfrontiert sie einen ungläubigen Literaturprofessor mit seinem Onkel, der in ein den Piusbrüdern sehr nahestehendes Kloster in der Eifel eingetreten ist. Nach und nach, fast behutsam, in unzähligen Begegnungen und Streitgesprächen, verwickelt Josten ihre Romanfiguren immer tiefer in Glaubensfragen und die mit ihnen verbundenen individuellen Lebensgeschichten. Sie lässt keinen Zweifel an der Tatsache: Das Leben ist komplex. Husch Josten will die Extreme kennenlernen, ohne selbst extrem zu sein. Das in ihrem Roman beschriebene Kloster in der Eifel gibt es wirklich. Es gehört zu der streng konservativen Ordensgemeinschaft Notre-Dame de Bellaigue.

Sie hat die Mönche im Kloster besucht und mit ihnen Gespräche geführt. Schwer zu verstehen war für sie, dass traditionalistische, mit äußerst strengen Regeln und einem eng gefassten Glaubensverständnis ausgestattete Klöster mehr Zulauf finden als liberale, Menschen zugewandte Orden. Und sie kommt zu dem Schluss: „Das ist wie in der Politik. Menschen scheinen in der Komplexität unserer Welt das Bedürfnis zu haben, in Leitplanken gesetzt zu werden.“ Es sind Menschen, die den einfachen Antworten von Autoritäten, die nur eine Wahrheit kennen, glauben wollen. Es entlastet sie, keine Verantwortung für ihren Glauben übernehmen zu müssen. Husch Josten aber ist überzeugt: „Wer den Weg der einfachen Antworten geht, beraubt sich seiner Freiheit – und Freiheit ist der Inbegriff des Christentums.“ Diese von Gott gegebene Freiheit fordert heraus, den eigenen Glauben zu hinterfragen, offen für andere Meinungen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. „Kann belastend sein, ist aber unser Job“, sagt Josten.

Herausforderung Corona-Krise

Belastend war und ist auch für sie die Corona-Zeit – als Autorin und Katholikin. Fast wäre sie an der „Abwesenheit“ der Kirchen verzweifelt. Viele Menschen hätten sich mit ihrer Angst und Unsicherheit alleingelassen gefühlt. Doch die Kirchen als große Gemeinschaft seien nicht laut und deutlich als sinnstiftende Krisenmanager aufgetreten, die den Menschen Hilfe, Zuversicht, Offenheit und Trost vermittelten. In einer zeitgemäßen Sprache, betont Josten. „Hätten da die Kirchen nicht mutiger sein müssen?“, fragt sie sich. Ihrer Meinung nach haben die Kirchenverantwortlichen die staatlichen Vorschriften „überbedient“, statt die Bedürfnisse der gläubigen wie nicht gläubigen Menschen an erste Stelle zu setzen.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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