Bettina Böttinger (c) picturealliance_Geisler-Fotopress

"Warum so hartherzig?"

  • 21.06.17 12:45
  • Birgitt Schippers
  •   Nachgefragt

Frau Böttinger, an welche Werte glauben Sie?

Wenn wir uns die Welt anschauen, dann ist der Mensch weit davon entfernt, ein guter Mensch zu sein. Die christlichen Grundwerte sind mir sehr wichtig und sehr nahe – das sind für mich Nächstenliebe und Barmherzigkeit. In ihnen bündelt sich das, was zu einem guten Menschen gehören sollte: eine große Empathie für den Nächsten und der Versöhnungsgedanke. Ich hatte mal ein langes Gespräch mit einem Arzt, der meine Mutter beim Sterben begleitet hat. Und er sagte, als Lungenarzt habe er schon so viele Menschen sterben sehen, und es sei unglaublich, wie viele Menschen unversöhnt in den Tod gehen. Das empfinde ich als eine menschliche Katastrophe.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Wie wichtig ist es, sich selber Gutes zu tun?

Wir leben in einer Zeit, in der wir einem großen Druck ausgesetzt sind, was die Eigenoptimierung angeht, die aber mit Eigenliebe wenig zu tun hat. Wir sollen bestimmten Maßstäben entsprechen, die irgendjemand aus ökonomischen Gründen geprägt hat und die dazu angetan sind, Leute unglücklich zu machen. Ich glaube, Selbstliebe hat nicht nur mit Äußerlichkeiten zu tun, sondern auch damit, die eigenen Fehler anzunehmen. Ich bin auch oft unzufrieden mit mir selber. Das möchte ich mir ein Stück weit abgewöhnen. Aber das ist gar nicht so einfach.  

Sie besuchen oft die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel. Ist das für Sie ein guter Ort?

Die Entstehungsgeschichte ist besonders. Ein Landwirt und seine Frau haben zu Ehren Gottes diese Kapelle gebaut. Und zwar kein Marienkapellchen, sondern einen beeindruckenden modernen Kirchenbau des weltberühmten Schweizer Architekten Zumthor. Die Konstruktion ist radikal, nicht nur die Öffnung nach oben, sondern das ganze Bauwerk hat von Weitem schon etwas Erhabenes. Es wird immer weicher, wenn man sich dem Betonbau nähert. Erleben kann man das nur alleine und in der Stille und in einer kurzen Meditation.

Sie unterstützen verschiedene Hilfsorganisationen. Haben diese Engagements Ihre Sensibilität für Menschen geschärft?

Das würde ich ganz klar bejahen. Es ist mir schleierhaft, wie Menschen so hart sein können, gerade jetzt in der Flüchtlingsfrage. Sie können nur darüber diskutieren, aber nichts an sich herankommen lassen. Und ich finde das eigentlich nicht verzeihbar, wenn ich ehrlich bin. Ich habe zum Beispiel mit „medica mondiale“ im Nachkriegsbosnien mit Frauen gesprochen, die nicht nur Folter und Vergewaltigung erlebt haben, sondern auch behandelt wurden wie Aussätzige, denen man nicht mehr zuhörte. Diese Begegnungen haben nicht nur mich berührt, sondern auch die Frauen, denen man einen Wert gab, indem man ihnen Zeit widmete und ihre Geschichten journalistisch weitererzählte. Mich hat es sensibler gemacht, in Afghanistan zu sehen, wie Menschen gelitten haben und wie traumatisiert viele waren. Wenn ich mir heute angucke, wie die Afghanen alleingelassen werden – das ist ein Grausen. Und dann noch Afghanen zurückzuschicken, die dort als Kritiker gesehen werden – wie können wir das über uns bringen? Ich glaube wirklich, jede Handreichung zur Unterstützung, zur Solidarität, zur Mitmenschlichkeit macht Sinn.

SommerZeit 2017

Lesen Sie hier die aktuelle Ausgabe der SommerZeit 2017.

Zur SommerZeit 2017 »