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Weltgesundheitstag: „Mangelernährung und psychische Erkrankungen nehmen zu“

  • 06.04.21, 13:43
  • Robert Baumann
  •   Nachgefragt

Frau Dr. Breyhan, während viele südamerikanische und europäische Länder von der Corona-Pandemie stark betroffen, scheint die Situation auf dem afrikanischen Kontinent nicht so dramatisch zu sein. Täuscht der Eindruck? 

Aus Sorge, die oft schlecht ausgestatteten Gesundheitssysteme könnten unter Infektionswellen, wie sie in Europa beobachtet wurden, zusammenbrechen, reagierten viele afrikanische Länder auf das Auftauchen des Erregers auf dem Kontinent im März 2020 mit frühzeitigen Lockdown-Maßnahmen. Diese umfassten neben Schulschließungen zeitlich begrenzte Ausgangssperren, Reisebeschränkungen oder -verbote, sowie die Einstellung des öffentlichen Transportwesens. Heute, ein Jahr später, sehen wir, dass Afrika den offiziellen Zahlen zufolge, auch im Vergleich zu anderen Kontinenten, weniger schwer von der Pandemie betroffen ist, als dies zunächst befürchtet wurde. Die Ursachen dafür sind unklar. Die junge Bevölkerungsstruktur, eine mögliche Hintergrundimmunität durch andere Coronaviren oder Erfahrungen im Umgang mit Epidemien wie Ebola werden unter anderem als Gründe angeführt. Es gibt aber auch Studien, die in dicht besiedelten Gebieten wie Townships und Slums in Südafrika, Kenia oder Nigeria eine hohe Durchseuchung der Bevölkerung nachweisen. Es kann daher sein, dass schwache Test- und Meldesysteme das Ausmaß der Pandemie schlicht nicht richtig erfassen, so dass die direkten Gesundheitsfolgen durch das Infektionsgeschehen in Afrika weiterhin nicht eindeutig sind.

Aber es gibt auch indirekte Auswirkungen der Pandemie, die sich schon jetzt zeigen?

Es zeichnet sich ab, dass die Corona-Pandemie für die Gesundheit der Menschen neben direkten Folgen einer Infektion auch indirekt Folgen hat. Diese entstehen einerseits dadurch, dass medizinische Leistungen eingeschränkt wurden und dass Gesundheitseinrichtungen für die Menschen aufgrund der von den Regierungen verhängten Maßnahmen zur Eindämmung der Virusausbreitung nicht mehr erreichbar waren. Andererseits meiden Menschen aus Furcht vor Ansteckung die Krankenhäuser und Gesundheitsposten. Nach Erhebungen der WHO kam es weltweit zu einer Reduzierung von Gesundheitsleistungen in unterschiedlichem Ausmaß: Operationen wurden abgesagt, Routineuntersuchungen verschoben und Vorsorgemaßnahmen ausgesetzt. Das Einstellen des öffentlichen Verkehrs machte es für Patienten und Personal oft gleichermaßen schwer, die Einrichtungen zu erreichen. Dort fehlte es dann häufig an Medikamenten und Schutzausrüstungen. 

Was bedeutet das alles für die Kinder in vielen afrikanischen Ländern?

Dies hat für die Kinder erhebliche gesundheitliche Konsequenzen. Ausgesetzte Impfkampagnen gegen die Infektionskrankheiten lassen die Mädchen und Jungen ungeschützt und können mittel- bis langfristig zu vermehrten schweren Erkrankungen und Todesfällen führen, wenn es nicht gelingt, durch spezielle Maßnahmen diese Kinder doch noch mit Impfungen zu versorgen. In Uganda etwa verpassten durch den Lockdown mehr als 26.000 Kinder ihre regulären Impfungen gegen Diphterie, Keuchhusten und Tetanus. Im Vergleich zu den Vorjahren stiegen die Todesfälle durch Malaria, die ja insbesondere Kinder unter fünf Jahren betreffen, deutlich an. Auch die Müttersterblichkeit nahm in Folge fehlender medizinischer Betreuung der Schwangeren und Gebärenden signifikant zu. Einschränkungen der Programme zur Familienplanung führen vermehrt zu ungewollten Schwangerschaften, besonders bei Teenagern, die wiederum eine erhöhte Sterblichkeit von Müttern und Neugeborenen bedingen können. Dies alles gibt einen Eindruck davon, wie gravierend die gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie für Kinder und Jugendliche sind. 

Im Kampf gegen das Coronavirus hilft vor allem Impfen. Was bedeutet das für afrikanische Länder?  

Die Pandemie bedeutet eine weltweite Krise, die nur zu besiegen ist, indem sie überall bekämpft und eingedämmt wird. Wenn die Übertragungen nicht überall minimiert werden, werden auch in die Länder mit einer durchgeimpften Bevölkerung immer wieder Infektionen eingetragen. Es werden sich resistente Mutanten bilden, wie wir es jetzt schon in Ansätzen erleben. Es ist daher unerlässlich, alle Länder gleichermaßen mit Impfstoff zu versorgen und solidarisch zu handeln. Es reicht allerdings nicht, nur die notwendigen Impfdosen zur Verfügung zu stellen. Eine Impfkampagne gegen Covid-19 wird weiteren Stress für schwache Gesundheitssysteme bedeuten. Gesundheitspersonal und weitere finanzielle Ressourcen werden für die aufwendigen Kampagnen benötigt. Durch sorgfältige Planung muss vermieden werden, dass Gesundheitsleistungen reduziert werden, weil die Ressourcen für die Impfkampagnen benötigt werden. Auch dies hätte wiederum für die Gesundheit von Kindern gefährliche Folgen. 

 

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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