(c) Robert Boecker

Wenn Bücher sprechen

  • 07.01.18 12:53
  • Markus Harmann
  •   Kultur und Kirche

Nichts lässt zunächst darauf schließen, dass es in dieser Bibliothek gar keine echten Bücher gibt. Ein langer Tisch, Karteikarten für die Ausleihe, eine freundliche Helferin, die fragt: „Welches Buch möchten Sie denn gern lesen?“ Hinter ihr an der Wand hängen im DIN A3-Format die Ausleihbedingungen: Maximal ein Buch darf gelesen werden – und das auch nur für 30 Minuten. Bücher müssen „mental und körperlich unbeschädigt“ zurückgegeben werden. Die Bücher, die hier im Bonner Haus Mondial ausgeliehen werden können, haben weder zwei Deckel, noch sind sie im wahrsten Sinne lesbar. Im Gegenteil: Die Bücher sprechen und sind höchst lebendig. Es sind Menschen mit oft außergewöhnlichen Geschichten; Menschen, die auf Grund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ihres Berufs häufig ganz bestimmte Stereotype bedienen. Und weil Menschen so spannend, geistreich, unterhaltsam und humorvoll sein können, wie echte Bücher, tauften die Initiatoren vom Diözesan-Caritasverband ihr Projekt „Lebende Bibliothek“. „Wir wollen Menschen miteinander ins Gespräch bringen“, sagte Sabine Kern. Die Referentin des Caritasverbandes leitet das Projekt und erklärt: „Wir hätten es auch Dialogprojekt nennen können. Aber das wäre langweilig, da würde doch keiner kommen.“

Ladans Eltern flohen aus Somalia

Wer sich in dieser Bibliothek ein, sagen wir, Werk aus Somalia ausleiht, der hat die Garantie für ein ausgesprochen anschauliches und informatives Gespräch mit einer jungen Frau, deren Eltern einst vor dem somalischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen sind. Ladan ist 19 Jahre alt und trägt Kopftuch. Sie ist eines von zwölf Büchern, die hier im Haus Mondial von Lesern, also Gesprächspartnern, ausgeliehen werden können. Die anderen sind unter anderem: Oliver, ein junger Mann jüdischen Glaubens, der sich zu seiner Homosexualität bekennt; Guido, Ex-Junkie und seit mehr als drei Jahren clean; Abdou, ein junger Maler aus dem Senegal, der sich in Deutschland als Kulturvermittler selbstständig gemacht hat; Maher (52) Funktionär aus Syrien, der vor dem Regime geflohen ist und nun in Deutschland mühsam in ein neues Leben findet. „Persönliche Begegnungen relativieren unser Schubladendenken – ein Gespräch kann Vorurteile nachhaltig ins Wanken bringen“, sagt Sabine Kern. Auch Ladan, die Somalierin, merkt immer wieder, wie „vorgefertigt“ die Meinung vieler Menschen ist, die ihr begegnen. „Die meisten sind total überrascht, dass ich akzentfrei deutsch spreche“, sagt die 19-Jährige, die in Bonn geboren wurde. Weil sie ein Kopftuch trage – „und zwar ganz bewusst, weil ich zu meiner Identität stehe“, wie sie betont – würden ihre Gesprächspartner auch meist nicht davon ausgehen, dass sie 2015 Abitur gemacht hat und bald ein Studium der Soziologie beginnt. Ihr Ziel: „Ich möchte in die Wissenschaft.“

Jede Lektüre birgt Überraschungen

Für Sabine Kern sind diese „Aha-Effekte bei den Lesern“, das, worauf es ankommt. Bei Menschen mit Fluchterfahrung falle das besonders auf: „Viele denken, da sitzt ein armer, ungebildeter Flüchtling – und dann stellt sich heraus, dass er besser englisch spricht als sein Gegenüber oder sogar eine akademische Ausbildung hat.“ Der Diözesan-Caritasverband hat die „Lebende Bibliothek“ vor knapp drei Jahren nach dänischem Vorbild ins Leben gerufen – bundesweit war das Projekt damals einzigartig, Sabine Kern und ihr Projektteam blicken auf dutzende Veranstaltungen mit mehr als 275 Stunden Dialog, 250 lebenden Büchern und 584 Leserinnen und Lesern zurück. Ein Erfolg – auch für die Bücher selbst. „Wir können den Menschen unsere ganz persönlichen Geschichten erzählen“, sagt Ladan, die Somalierin. „Das hilft, um etwas mehr Verständnis zu bekommen.“

AdventsZeit 2017 (c) Robert Boecker

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