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Wenn die Sehnsucht uns treibt

  • 09.03.18, 08:46
  • Birgitt Schippers
  •   Kurz und Knapp

Jedes Jahr aufs Neue sehnen wir uns nach den ersten Sonnenstrahlen, erwarten das erste Schneeglöckchen und das hauchzarte Grün an den Bäumen. Klar, es wird noch eine Weile dauern und ein paar Rückschläge sind meteorologisch vorprogrammiert, aber wir können gewiss sein – der Sommer und die warmen Nächte kommen bestimmt. Vor unserem inneren Auge aber können wir uns schon mitten im nasskalten Januarwetter vorstellen, wie es sein könnte, wenn die schöne Jahreszeit die Oberhand gewinnt.

Sehnsucht im Wandel der Zeiten

Schon im Mittelalter haben die Menschen das Wort Sehnsucht mit „als Krankheit des schmerzlichen Verlangens“ beschrieben, wie im Grimm’schen Deutschen Wörterbuch nachzulesen. Man könnte es auch so sehen: Zuviel Sehnsucht tut dem Menschen nicht gut. Nicht umsonst steckt auch das Wort Sucht darin. Die deutschen Romantiker aber waren erfüllt von diesen bitter-süßen Sehnsuchtsgedanken. Gefährlich wird diese romantische, sich verzehrende Sehnsucht, wenn sie in eine Sehnsucht nach dem Tod mündet. Shakespeares junger Held Hamlet macht deutlich, wie ambivalent die Todessehnsucht ist. In dem berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“ fragt er sich, ob in der anderen Welt, die er sich ersehnt, nicht das Grauen auf ihn wartet.

Sehnsucht nach Gott

„Unruhig ist mein Herz, bis es ruhet in dir“, so betet der Kirchenvater und Heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen. Für Augustinus war klar, dass das Ziel seiner Sehnsucht in Gott liegt, weil nur bei ihm konnte er inneren Frieden und Erlösung von seiner irdischen Unvollkommenheit finden. Er aber war keineswegs romantisch verliebt in seine Sehnsucht nach Gott, sondern suchte Gott konkret über theologische und philosophische Gedankenwege und im Gebet. Die eigene Unvollkommenheit spüren wir Menschen in der westlichen Welt auch heute. Doch in welche Bahnen lenken wir unsere Sehnsuchtsgedanken? Noch immer sind es für viele Menschen recht konkrete, in absehbarer Zeit erreichbare Ziele, die sie sich herbeisehnen: einen guten Job, die Idealfigur, den Traumurlaub oder das Konzert mit dem Star. Aber sind das wirklich Sehnsuchtsziele?

Sehnsucht in der digitalen Welt

Der Philosoph Rüdiger Safranski hat im Interview mit dem Radiosender „domradio.de“ gesagt, er sähe in der heutigen Zeit der Digitalisierung keinen Raum mehr für die Sehnsucht, weil die vorherrschende Knopfdruck-Mentalität keine Zwischenräume des Wartens mehr erlaube. Für ihn gehört zur Sehnsucht dazu, abwarten zu können und die Spannung auszuhalten, ob sich eine Sehnsucht erfüllt oder vielleicht auch nicht. Sehnsucht ist ein unstillbares Verlangen, das sich verstärkt, je länger wir auf die Erfüllung warten, sagt auch die Buchautorin Andrea Schwarz. Die Sehnsucht nach Frieden wächst in unserer unruhigen Zeit. Wir können aktiv für den Frieden eintreten, doch wir brauchen auch den langen Atem der unstillbaren Sehnsucht.

AdventsZeit 2018 (c) Robert Boecker

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