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Wie funktioniert ganzheitliche Ökologie heute?

  • 14.11.19 16:34
  • Lars Schäfers

„Macht euch die Erde untertan“: Nie war der Mensch so sehr in der Lage, den biblischen Herrschaftsauftrag so schonungslos umzusetzen, wie seit dem Siegeszug von Wissenschaft und Technik. Digitaltechnische Innovation und ökologische Transformation: Diese beiden aktuellen „Megatrends“ wurden auf der Konferenz „Integrale Ökologie im Digitalzeitalter“ am 8. und 9. November an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München zusammengeführt und diskutiert. Es ist Papst Franziskus, der seit seiner Enzyklika Laudato si‘ mit dem Konzept einer integralen, einer ganzheitlichen Ökologie eine neue Verhältnisbestimmung zwischen Mensch und Schöpfung vorzeichnet. Auch die Amazonassynode stand unter dem Motto der ganzheitlichen Ökologie. Was aber wurde auf dieser Konferenz, an der sowohl Kirchenvertreter und Wissenschaftler als auch Politiker und Unternehmer beteiligt waren, schwerpunktmäßig diskutiert? Der Fortschritt: Zahlreiche technische Errungenschaften hat er hervorgebracht, die das Leben der Menschen für vorhergehende Generationen unvorstellbar verbessert haben. In seiner digitalen Spielart verspricht er zum Beispiel mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz noch mehr Chancen. Doch ist der Mensch schon so weit? Zudem versehrt der Fortschritt zu oft die Umwelt und vergisst die Armen. Reinhard Kardinal Marx mahnte daher in seinem Vortrag: Wir brauchen eine neue Fortschrittsidee, die neben Ökologie auch Kultur, Identität, das eigene Selbstbewusstsein und die Würde des Menschen sowie die Solidarität mit einbezieht, eben ganzheitlich ist. 

Ohnmachtsgefühle helfen nicht weiter

Die „Soziale Frage“ in der Zeit der Industrialisierung veranlasste den damaligen Papst Leo XIII. zur Abfassung der ersten Sozialenzyklika „Rerum Novarum“, wörtlich übersetzt die „neuen Dinge“. Auf der Konferenz ging es um die heute enorm gesteigerte Fortschrittsrate, sodass es eigentlich bereits zur Jahrtausendwende schon ein neues „Rerum Novarum“ gebraucht hätte. Zudem wird immer wieder deutlich: Die ökologische Frage ist die neue „Soziale Frage“ dieser Zeit. Umweltschutz und Armutsbekämpfung gehören zusammen; dazu braucht es auch wirtschaftliches Wachstum, braucht es Innovationen. Nicht zuletzt ein gewisses Maß an Optimismus ist nötig. Das angesichts komplexer Probleme verbreitete Ohnmachtsgefühl hilft nicht weiter. Auch die Bewegung „Fridays for Future“ bezeugt diese Ohnmacht, gegen die aus ihrer Sicht nur noch Protest hilft. Dabei sind wir gar nicht so ohnmächtig – jeder Einzelne verfügt als Konsumentin und Konsument über die „Kraft des Geldbeutels“, so der vatikanische „Entwicklungsminister“ Kardinal Peter Turkson. Auch eine entsprechend ganzheitliche Bildung ist zentral. Trotz all der diskutierten Probleme war während der Konferenz ein Geist der Zuversicht zu spüren. Die Perspektive ganzheitlicher Ökologie hilft letztlich zu begreifen: Erstmalig in der Geschichte haben wir mit dem Klimawandel ein Menschheitsproblem, das die ganze Weltgemeinschaft nur gemeinsam lösen kann. Technische wie digitale Innovationen können ein wichtiger Teil dieser Lösung sein. Und zuletzt ist da noch die Kraftquelle des Glaubens: Glaube und Vernunft, Spiritualität und Technik, Tradition und Innovation, biblischer Schöpfungsglaube und naturwissenschaftliche Welterschließung können in Zeiten der Klimakrise zu einer neuen Symbiose finden.

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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