Der Stephansdom in Wien (c) Margareta Rose

Wien – mit Abstand einmalig

  • 15.06.20 15:38
  • Margareta Rose
  •   Kurz und Knapp

Ein seltsames Gefühl habe ich schon, als ich in den Railjet in München steige. Seit wenigen Tagen sind die deutschen Außengrenzen nach der Corona-Sperre wieder geöffnet. Die Beschränkungen der vergangenen Wochen waren richtig und unbedingt nötig zur Eindämmung der Pandemie. Trotz der zurückgewonnenen neuen alten Freiheiten dürfen wir jetzt nicht in alte Muster verfallen und müssen mit neuen Hygiene-Regeln leben. Das betrifft alle Lebensbereiche – auch das Reisen, das nun zumindest innereuropäisch wieder möglich ist. Mit meiner schwarz-weiß gepunkteten Maske fahre ich in dem ungewöhnlich leeren Zug von München nach Wien, meinem ersten Reiseziel nach Corona. Das Einhalten des nötigen Mindestabstandes ist hier kein Problem. Ähnlich erlebe ich später die U-Bahnfahrt vom Wiener Hauptbahnhof zum Stephansplatz, einem der zentralen Plätze in der Alpenmetropole. Überall trifft man kaum ausländische Touristen. Gerade jetzt bietet sich einem deshalb die einmalige Möglichkeit, Wien zu erleben, wie es ursprünglich ist – ohne lange Schlangen vor Museen oder anderen Sehenswürdigkeiten. Auch die Hoteliers, Kellner und Guides an den touristischen Hotspots sind ungewöhnlich entspannt und nehmen sich für ihre Besucher Zeit.

Eine große Kirche und viel Kultur

 (c) Margareta Rose

Zuerst geht es für mich in die Domkirche St. Stephan, dem gotischen Nationalstolz der Österreicher. Selbstverständlich gehören das Tragen der Maske und das vorherige Desinfizieren der Hände beim Eintritt in die Kathedrale dazu, doch das scheint für die Österreicher wie an allen anderen Sehenswürdigkeiten sowie in den Geschäften und Restaurants zur neuen Normalität geworden zu sein und verläuft angenehm routiniert.

Mein Rundgang im Dom führt mich auch zu den Katakomben. In den unterirdischen Begräbnisstätten, die einem mysteriösen Labyrinth gleichen, ruhen neben Domherren und Bischöfen zahlreiche bekannte Habsburger – ein Traum für alle Historiker, der nur noch von einem  Besuch der Kaisergruft und des Schlosses Schönbrunn getoppt werden kann. Im grünen Stadtbezirk Hietzing liegt versteckt in einer Seitenstraße das ehemalige Atelierhaus von Gustav Klimt, dem bekanntesten österreichischen Jugendstil-Maler mit ungewöhnlichem Hang zur Moderne. In der lichtdurchfluteten Villa hat Klimt einen Großteil seiner späten Werke wie „Die Braut“ oder „Adam und Eva“ geschaffen. Unverkennbar lag das Hauptaugenmerk des Künstlers auf der Darstellung von Menschen. Davon zeugen unzählige Aktskizzen, die die Wände der im neobarocken Stil gebauten Villa zieren. Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung Klimt's Vorliebe für ostasiatische Kunst, deren Stil sich in einigen seiner Werke wiederfindet. Beim Verlassen des Gebäudes werde ich durch ein duftendes Blütenmeer an Rosen geführt. Der großzügige Park, der zur Villa gehört und den Klimt als Vorlage seiner Landschaftsbilder genutzt haben soll, wird besonders in den Sommermonaten zu einem Paradies für Floristen. Ein Rosenstock der Bracht ist sogar noch aus der Zeit von Gustav Klimt, der mittlerweile seit 100 Jahren tot ist, erhalten.

Auf Wiedersehen? Ganz bestimmt!

In den folgenden Tagen setze ich meine Erkundungstour durch die österreichische Hauptstadt fort – natürlich immer mit Abstand. Sowohl im bekannten Kunstmuseum „Albertina“, als auch in der Spanischen Hofreitschule, auf dem Prater und in den Kaisermühlen, der schönen See- und Badelandschaft in der Donau, ist das unbedenklich möglich. Schwierig wird es lediglich am Donaukanal, dem zentralen Treffpunkt an sommerlichen Abenden. Hier trifft man sich an einem der vielen Stadtstrände auf einen „Gespritzten“ (Weinschorle) oder breitet sein mitgebrachtes Picknick auf den noch von der Sonne warmen Betonplatten aus. Etwas musste ich jedoch bei meinem Kurzurlaub in Wien offen lassen. Die Mozartstadt lebt von der klassischen Musik. Der Besuch eines Konzertes gehört deshalb für jeden Wien-Besucher dazu. Aufgrund der Corona-Beschränkungen ist dies momentan aus nachvollziehbaren Gründen nicht möglich – für mich ein weiterer Grund, unbedingt noch einmal wiederzukommen.

SommerZeit 2020 (c) Robert Boecker

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