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"Wir leben nicht nur für uns selbst"

  • 29.09.16 08:13
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Blüm, Sie haben Theologie studiert, unter anderem bei Joseph Ratzinger. Was hat Ihnen dieses Studium gebracht?

Joseph Ratzinger war in seiner Bonner Zeit einer der großen Theologen, die Theologie als Vernunftswissenschaft betrieben, den Glauben mit Vernunft erhellten. Die Botschaft des Joseph Ratzinger ist immer gewesen: Glaube und Vernunft zu versöhnen. Die Lösung der Probleme dieser Erde scheitert nicht an einem Mangel an Vernunft, sondern an einem Mangel an Moral. Die Theologie ist deshalb so spannend, weil sie sich mit den wichtigsten Fragen beschäftigt. Da geht es um den Sinn des Lebens.

Durch Ihre ganze Vita zieht sich ein großes soziales Engagement. Woher kommt das?

Wir leben nicht nur für uns selbst. Das wäre eine traurige Veranstaltung. Es geht ja jedem von uns besser, wenn er nicht nur für sich lebt. Ich fühle mich doch selbst auch viel wohler, wenn ich rechts und links gucke. Den Egoismus halte ich für eine sehr anstrengende und sehr traurige Lebenseinstellung. Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Liebe hat mit Vorteilssuche gar nichts zu tun. Ich lebe vom Vertrauen, an jeder Straßenecke vertraue ich darauf, dass mir der andere die Vorfahr lässt. Die ganze Welt basiert auf Erfahrung und Vertrauen, und meine Frau habe ich mir auch nicht nach einer Kosten-Nutzen-Analyse ausgesucht. Ohne Vertrauen, ohne Miteinander wären wir aus dem Neandertal nicht herausgekommen. Wir wären da schon erfroren.

Sie haben in Ihrem Leben bedeutende Menschen getroffen. Welche Begegnung hat sie besonders beeindruckt?

Mutter Teresa habe ich mehrfach treffen dürfen, auch in ihrem Sterbehaus in Kalkutta. Selten habe ich ein Haus gesehen, in dem eine so große, tief gehende Fröhlichkeit war. Mutter Teresa hat das Haus geprägt durch eine ansteckende, unüberwindliche Freundlichkeit, die sie ausgestrahlt hat. Und die sterbenskranken Menschen wurden so liebevoll gepflegt, aber auch, wenn es keine Chance mehr auf Heilung gab, begleitet in den Tod – das hat mich sehr beeindruckt.

In welchen Momenten haben Sie ganz persönlich Gott und seine Nähe gespürt?

Ich war beim Tod meines Vaters dabei, und da war ich mir sicher, dass Gott in der Nähe war. Mein Vater hat einen mühsamen Tod gehabt. Er hatte Lungenkrebs, jeden Atemzug musste er sich mühsam erkämpfen. Und in dieser Nacht um zwei hat unsere Mutter ihm und uns allen die wichtigsten und schönsten Erlebnisse aus sechzig Jahren Ehe erzählt. Ihr ganzes Leben. Und als sie fertig war, sagte mein Vater: „Gretel, es war alles sehr schön.“ Das war es. Das war sein letzter Atemzug und sein letzter Satz, und da war ich sicher, dass Gott in der Nähe war. Diesen Satz hat er, daran glaube ich ganz fest, nicht allein aus eigener Kraft gesagt.

AdventsZeit 2016 (c) Heiko Wrusch

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