Leander (c) Annette Etges

„Wir sehen Dich“

  • 06.07.21, 14:40
  • Pia Klinkhammer
  •   Nachgefragt

Die Online-Beratung der Caritas im Erzbistum Köln war in der Zeit der Corona-Pandemie so gefragt wie nie zuvor. Die Zahl der Anfragen hat sich im vierten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal mit 2.500 mehr als verdreifacht. Die Caritas-Kampagne „Wir sehen dich!“ nimmt jetzt vor allem die Menschen in den Blick, die unter Überforderung, Stress, Einsamkeit oder existenzieller Not leiden. Die Initiative macht auch deutlich: Die Caritas unterstützt alle Menschen unabhängig von ihrer sozialen, religiösen und nationalen Herkunft konkret mit dem Angebot der Online-Beratung – individuell, vertraulich, kostenlos und anonym. Auch Leander. Der 15-Jährige hat gerade die 10. Klasse abgeschlossen und besucht nach den Sommerferien die Oberstufe. Pia Klinkhammer hat mit ihm gesprochen.

Leander Was hat dir in der Pandemie am meisten Angst gemacht?

Ich glaube die größte Angst hatte ich davor, den Anschluss zu verlieren. Weniger in der Schule, eher in der Gruppe, bei meinen Freunden. Es lag so eine Schwere auf jedem Tag. Ständig musste man sich der aktuellen Situation anpassen, sich an die aktuellen Vorgaben gewöhnen – das ist eigentlich nichts, was einer junger Mensch in meinem Alter mit 15 gerne macht: Immer Verständnis zeigen. Alles Widerspruchslos akzeptieren (grinst). Zwischendurch habe ich sogar behauptet, das mit Corona wär doch alles gar nicht so schlimm – nur um mal etwas Widerspruch zu leisten. Als ich aber gemerkt habe, dass es wirklich Menschen gibt, die daran glauben, habe ich damit schnell wieder aufgehört. Es gab aber auch ein paar Mädchen, die richtig panisch reagiert haben. Einige hatten auch Vorerkrankungen. Das macht einen dann schon auch sehr betroffen.

Welche Sorgen und Nöte haben dich in der Zeit bewegt?

Ich hatte natürlich auch Angst krank zu werden, nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch. Also, weil man sich in meinem Alter ja eh viel mit sich beschäftigt, bleibt man ohne Austausch und Ablenkung in seinen eigenen Gedanken gefangen. Das ging allen so. Den einen hat die Situation mehr belastet, den anderen etwas weniger. Aber es fehlte die Leichtigkeit. Einige haben sich dadurch krass verändert, auch nach außen hin zum Beispiel, indem sie sich die Haare pink gefärbt haben. Ich habe mir mit einem Freund zusammen im Wald eine Glatze rasiert, weil wir irgendwie was gegen die Langeweile tun wollten - und die Friseure geschlossen hatten. Außerdem konnte man das ja auch mal ausprobieren, ohne dass man am nächsten Tag in der Schule ausgelacht wurde.

Was hast du alles verpasst, was du nicht mehr nachholen kannst?

Ich wollte vor der Oberstufe ein halbes Jahr nach England. Darauf hatte ich mich total gefreut, und das ist für mich persönlich die größte Enttäuschung. Natürlich hat auch die Klassengemeinschaft gelitten. Das ist gerade in der Abschlussklasse der Gesamtschule etwas, was man nicht nachholen kann. Man entfernt sich voneinander, entwickelt andere Interessen, einige haben sich entschlossen von der Schule abzugehen, die vorher noch in die Oberstufe wechseln wollten. Und natürlich haben wir keinen richtigen Abschluss feiern können. Irgendwie schade. 

Fühlst du dich gesehen?

Nur im Schulbereich aber nicht, was das Privatleben von jungen Menschen angeht. Alle haben über Schulöffnungen und -schließungen diskutiert und darüber, dass es Schüler gibt, die abgehängt sind, weil ihnen die technischen Möglichkeiten fehlen und sie den Stoff nicht mehr aufholen. Das ist ja auch richtig, aber wir wurden ja auch im Privaten komplett abgehängt, und zwar von jetzt auf gleich. Wenn es darum ging, Rücksicht zu nehmen, ist man mit uns wie mit Erwachsenen umgegangen. Aber wenn es um Regeln ging, wurden wir wie Kinder behandelt. Ich hätte mir gewünscht, dass man sich auch mal die Mühe macht darüber nachzudenken, was es in meinem Alter bedeutet, sich immer nur zu fügen, für Alles und Jeden Verständnis zu haben und sich immer zurückzunehmen. Bei Politikern hat man manchmal das Gefühl, die sind nie jung gewesen. 

Hatte die Zeit auch was Gutes?

Klar. Für mich schon. Manche Freundschaften haben sich intensiviert. Wenn man gut mit sich klarkommt, hat die Zeit sicher auch gutgetan, zum Beispiel um neue Hobbies zu entwickeln, sich selbst zu finden. Ich habe auch bei einigen Sachen erst jetzt gemerkt, dass sie mir nicht fehlen. Zum Beispiel habe ich jetzt mit Fußball aufgehört, dafür gemerkt, dass ich mich sehr für Mode und Kunst interessiere. Also ich habe mit malen angefangen und mich mit Freunden getroffen, um gemeinsam zu malen. Also so richtig groß auf Leinwand, die wir noch irgendwo im Keller stehen hatten. Das hätte ich mir vor Corona nicht vorstellen können. 

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