(c) Robert Boecker

Wir sind die WELTfairÄNDERER!

  • 09.08.22, 10:24
  • Brigitte Schmitz-Kunkel
  •   Im Auftrag des Herrn

Die siebte Klasse ist konzentriert bei der Sache. Die Mädchen und Jungen sitzen in einer Runde draußen im Sonnenschein, doch für den Park, der zu ihrer „Realschule am Rhein“ gehört, hat der Kölner Nachwuchs gerade keinen Blick. Lebhaft diskutieren sie mit zwei jungen Leuten, sogenannten „Teamern“, über den wahren Preis von Kleidung. Auf dem Boden vor ihnen liegt jetzt das Puzzle eines T-Shirts. Im Laden würde so ein Shirt zum Beispiel 28 Euro kosten. Wer bekommt eigentlich wie viel davon, wer hat den Gewinn im Herstellungsprozess? Die Näherin im Billiglohnland? Die Fabrik, die ihr dort Arbeit gibt? Die Markenfirma? Zwischenhändler, Einzelhändler in der Stadt?

Hungerlohn für T-Shirts

Dass es für Kleidung lange Lieferketten gibt, wissen die Jugendlichen schon. Die Puzzleteile stehen für den Gewinnanteil; so verdient die Näherin pro Shirt gerade mal 18 Cent. „Findet ihr das fair?“, fragt Teamerin Charlotte, ein energisches „Nein“ schallt zurück. Ob Verständnisproblem oder pubertärer Trotz: Ein Junge, der 15 Euro Taschengeld im Monat erhält, findet 18 Cent Lohn pro T-Shirt fair bezahlt. „Für die 15 Euro müsstest du über 80 Shirts nähen!“, macht Teamer Carsten die fatale Unterbezahlung anschaulich klar. Es sei nicht schlimm, wenn Kinder und Jugendliche vielleicht einmal etwas länger brauchten, um die komplizierten Sachverhalte und Zusammenhänge zu durchschauen, die unser Konsumverhalten in der Welt unfair machen. Schlimmer wäre es, wenn sie nicht lernen könnten, dass auch sie selbst etwas dagegen tun und bewirken können. Hier setzen die „WELTfairÄNDERER“ an: ein Bildungsangebot für nachhaltige Entwicklung, das im Erzbistum Köln erstmals im September an der „Realschule am Rhein“ veranstaltet wurde. Der Diözesanverband Köln des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hat das Projekt gemeinsam mit der Schulpastoral im Erzbistum Köln und dem DeZentrale e. V. auf die Beine gestellt; im kommenden Jahr sind Aktionswochen an weiteren Schulen geplant, die sich gerne dafür bewerben können“, erklärt Projektleiterin Franziska Hogenmüller vom BDKJ.

Rohstoffe für Handys

Bereits 2010 entstand im Bistum Mainz die Idee, mit Kindern und Jugendlichen an weiterführenden Schulen die Welt zu „fairändern“. Inzwischen ist in Deutschland ein ganzes Netzwerk von teilnehmenden (Erz-)Bistümern entstanden, die die Synergieeffekte unterschiedlicher Erfahrungen nutzen können. Vor drögem Unterricht braucht also niemand Angst zu haben. Geleitet wird er von Studierenden, die sich mit Geografie oder Politik auskennen und die Jugendlichen mit ihrem Engagement für eine nachhaltige Lebensweise anstecken wollen. Von ihnen lernen die Schülerinnen und Schüler, dass Nachhaltigkeit über Umweltprobleme hinausgeht. Sie sensibilisieren die künftigen WELTfairÄNDERER dafür, dass die Ressourcen auf der Erde nicht unerschöpflich sind und unser Lebensstil  Auswirkungen auf die Schöpfung und die Menschen vor allem im globalen Süden hat.

Tauschen statt Kaufen

Fast wichtiger noch, als zu informieren, ist es den WELTfairÄNDERERN, die jungen Menschen zum Handeln zu ermutigen. Gemäß Albert Schweitzers Leitmotiv „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel“ will man sie darin bestärken, dass wirklich jeder und jede Einzelne durch eigenes nachhaltiges Verhalten die Welt ein bisschen fairer machen kann. Im gemütlichen FairCafé, während der Aktionswoche bei der Katholischen Studierenden Jugend, kann man sich fairen Kaffee und Leckeres aus regionalen Produkten schmecken lassen. Für das freiwillige Nachmittagsprogramm kommen Initiativen in die Schule, die zeigen, wie man sich für Klimagerechtigkeit einsetzen kann oder ein Insektenhotel baut. Was faire Kleidung angeht, ist die siebte Klasse ziemlich fit. „Was können wir denn konkret machen?“, fragt Teamerin Charlotte und bekommt viele Antworten: „Kleider tauschen! Weniger kaufen! Oder faire Marken kaufen!“ Der 12-jährige David zeigt das Etikett seines fairen T-Shirts vor, Emilia hat ihre Jeans trendy bemalt, statt sie wegzuschmeißen. „Wir möchten die Schülerinnen und Schüler darin bestätigen, dass sie zum Beispiel einen Kleiderkreisel gründen und ihre Klamotten tauschen“, erklärt Charlotte. In der „Realschule am Rhein“ treffen sie da auf offene Ohren

Alle Infos zum Projekt gibt´s hier

SommerZeit 2022 (c) Robert Boecker

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