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Zeit für eine Reise ins Allerinnerste

  • 10.11.20, 14:06
  • Jan Sting
  •   Im Auftrag des Herrn

Maria-Anna ist Eremitin und lebt in einem Heuerhaus, einer bescheidenen Unterkunft, die schon von der Geschichte her arm ist. Früher war es ein Ort für Menschen, die vom Bauern ein Stückchen Land und das kleine Haus samt Scheune und Schuppen erhielten. Dafür mussten sie dem Bauern rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Zum abgeschiedenen Bauernhäuschen in Ankum, 35 Kilometer nördlich von Osnabrück, gehört nun eine Kapelle. „Denn ein Leben des Gebets in Zurückgezogenheit und Stille braucht einen Ort, der dieses Leben äußerlich stützt“, sagt die Eremitin, die seit über 30 Jahren in Abgeschiedenheit lebt. Ihre erste Klause war ein Flüchtlingsheim, das zuletzt so baufällig war, dass sich Maria-Anna etwas Neues suchen musste. Vor zehn Jahren fand sie das Heuerhaus. Die Tür der Klause ist für alle offen: „Ich habe normalerweise immer wieder Menschen hier, die zum Gespräch kommen, oder auch Gruppen. Sehr oft Frauengruppen. Die kommen, natürlich weil sie neugierig sind. Aber auch, weil sie über geistliche Themen sprechen möchten“, sagt Maria-Anna. Es gehe über das Leben mit Gott. „Oder es kommen Menschen, die ein Problem haben oder Angst, die krank sind und Rat suchen.“ Seit Corona haben sich die Gespräche aufs Telefonieren verlagert.

Ungewohnte Gedanken im Lockdown

Angesichts des Lockdowns mit den Kontaktbeschränkungen stellen sich bei vielen Menschen ungewohnte Gedanken ein. Die einen ziehen sich in sich selbst zurück und grübeln. Andere macht das Gefühl der Machtlosigkeit gereizt. Maria-Anna kennt solche Situationen: „Ich lebe hier auf dem Land mit ganz vielen Bauern, die noch schnacken, also reden auf Plattdeutsch.“ Vor allem jetzt, da zum Novemberblues noch der Corona-Blues hinzukommt. In ihrer Klause Sankt Anna mag die Welt sich zwar etwas langsamer drehen. Abgeschnitten ist die Einsiedelei vom Leben aber nicht. Auch der Eremitin macht Corona mit seinen Einschränkungen zu schaffen. „Es war heftig. Ich bin einfach müde und werde die Zeit nutzen, mich zu erholen und vermehrt in der Kapelle zu sitzen.“ Die neu gewonnene Zeit nutzt die Eremitin, um zur Ruhe zu kommen. In Sachen Einsamkeit ist sie Expertin. Sie beleuchtet den Begriff von verschiedenen Seiten: „Zunächst einmal muss man sich klarmachen, dass Einsamkeit ein Containerbegriff ist, da passt viel rein. Einsamkeit ist Entspannung im Urlaub, aber kann sehr massiv belasten, so wie im Moment, wo die Kontakte eingeschränkt sind.“ Aber die Krise birgt auch Chancen. „Wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass Einsamkeit und die Kontaktbeschränkungen die Chance bieten, sich mit mir selbst auseinanderzusetzen und einfach mal zu schauen, was ist denn wirklich wichtig in meinem Leben, was gibt denn echte Freude und einen echten Frieden und nicht nur ein bisschen Spaß an der Oberfläche. Dann kann das helfen, dass ich die Einsamkeit nicht mehr so bedrückend finde“, sagt Maria-Anna.

Zeit für das, was liegen blieb

Um innerlich anzukommen, sind abgeschiedene Orte wie in Ankum perfekt. Es ist einsam zwischen den weiten Feldern. Gesellschaft leisten Maria-Anna jedoch ihre Ziegen, mit denen sie täglich spazieren geht. Auslöser für ihre Entscheidung, den geistlichen Weg zu gehen, war ein Erlebnis, das sie als junge Frau in Südamerika hatte: „Ich hatte Lesehunger, aber nichts zu lesen“, erinnert sie sich. Einer ihrer Chefs, ein deutscher Katholik, gab ihr ein Buch über Marienerscheinungen. „Wenn man sich die Situation vorstellt. 9000 Kilometer von der Heimat weg, mitten im Dschungel, konnte die Sprache nicht richtig. Ich war selbst nicht mehr christlich geprägt, eine norddeutsche Taufschein-Christin evangelischer Provenienz. Es war kurios. Auslöser war ein Satz, in dem die Erscheinung beschrieben wird. Sie sagt zu den Kindern: „Jesus Christus ist der Weg, Wahrheit und Leben“. Und in den vier Sekunden, in denen ich das gelesen habe, hat es einfach innerlich geknallt.“ Maria-Anna konvertierte zum katholischen Glauben und ist anerkannte Eremitin im Bistum Osnabrück, vor dem Bischof legte sie das ewige Gelübde ab. Ihr Geld verdient sie selbst, unter anderem indem sie Bücher schreibt – über ihr Leben, ihre Ziegen, die Musik. „Musik ist ja immer etwas, was einen zutiefst berührt, was nicht unbedingt über den Verstand läuft, sondern über tiefe, seelische Ebenen, die noch tiefer gehen als das Herz.“

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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