(c) Marco Keller

Zukunft statt Ziegel

  • 14.11.19 16:55
  • Kirsten Prestin
  •   Im Auftrag des Herrn

Es ist heiß und stickig. In der Ferne tauchen die ersten rauchenden Schlote der Ziegelfabriken auf. Seit dem Morgengrauen hockt Tarun (Name geändert) auf dem staubigen Boden und formt Ziegel. In Akkordarbeit: Zehn bis elf  Stunden am Tag , 14 Tage lang.  Dann hat er einen freien Tag und fährt mit seiner Familie nach Dasha. Ein kleiner Ort in der Nähe der Ziegelfelder. Dort kauft die Familie für die nächsten zwei Wochen ein. Es ist Mittagszeit. Erbarmungslos sticht die Sonne vom wolkenlosen Himmel herunter. Schatten gibt es nicht.  Nur ein um den Kopf geschlungenes Tuch schützt den Zehnjährigen vor den Sonnenstrahlen. Tarun ist noch nie zur Schule gegangen. Seitdem er acht Jahre alt ist, hilft er seiner Familie bei der Ziegelherstellung.  Bis zu 200 Stück am Tag formt er mit seinen kleinen Händen. 1.000 Ziegel müssen am Abend zur Abholung bereit stehen. Um das zu schaffen, wird jede Hand gebraucht.  400 bis 500 Rupien- das entspricht fünf bis sechs  Euro - erhält die Familie dafür. Die Arbeit ist anstrengend, den ganzen Tag sitzt der Zehnjährige in der Hocke. Immer wieder der gleiche Ablauf: Er reibt die Ziegel mit Sand trocken, dann befüllt er sie mit dem schwerem, nassen Lehm. Schließlich wird der überschüssige Lehm abgestreift und die Oberfläche geglättet. Dann ist der Ziegel fertig und kann gebrannt werden.  Zehntausende von Ziegeln werden so täglich für Delhi und die Umgebung produziert. Für die Besitzer der Ziegelfabriken ein lukratives Geschäft. 

Hilfe und Hoffnung

 (c) Marco Keller

Kinderarbeit ist in Indien verboten. Trotzdem müssen zahlreiche Jungen und Mädchen arbeiten. Die meisten müssen ihre Familien unterstützen. Armut ist die Hauptursache. „Armut ist ein Riesenproblem in Indien. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer“, sagt Pater Jose Matthew SDB, Provinzial von 13 nordindischen Bundesstaaten „Wir sind die einzige Organisation, die den Ziegelfamilien in Passor hilft.

Am Anfang war das Misstrauen groß. Mittlerweile vertrauen uns die Familien.“ Zurzeit sind sechs Lehrerinnen, zwei Lehrer sowie drei Salesianer vor Ort.  Im Don Bosco Zentrum werden die Kinder von lokalen Lehrkräften unterrichtet. Die Kinder verstehen nur Hindi. Der Lehrer Satbir Renu und seine Frau sind von Anfang an mit dabei und kennen jede Familie im Umkreis der Schule. „Sobald die Kinder zur Schule kommen, verändern sie sich. Sie achten mehr auf ihr Äußeres, waschen sich und tragen saubere Kleidung. Das ist schön zu sehen“, so Satbir. In der Schule erhielten sie Stifte, Hefte, aber auch saubere Kleidung und Schlappen. „Vor allem aber haben sie hier einen Spielplatz und  können Fußball oder Kricket spielen. Auf den Ziegelfeldern haben sie nichts, sondern  können nur im  Dreck spielen.“ 

„Ich würde gerne in die Schule gehen“

 (c) Peter Pauls

180 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis zehn Jahren aus acht Fabriken besuchen die Don Bosco Schule.  Geschätzt wird, dass es circa 320.000 Ziegelarbeiter in der Gegend gibt. Rund ein Drittel sind Kinder.  „Wir versorgen die Kinder mit einer Mahlzeit. Das ist für die Eltern wichtig. Wir geben ihn auch saubere Kleidung und Hefte und Stifte. Unsere Hoffnung ist, dass die Eltern dann noch eher bereit sind, ihre Kinder zu uns zu schicken“, sagt Pater Alingjor. Es wird Abend und beginnt dunkel zu werden. Der Großvater scheucht seine Enkelkinder zu den Hütten. Sie sollen das Essen vorbereiten. Heute gibt es sogar Fisch.

Die größere Schwester hat die kleinen Fische  in der Mittagzeit mit etwas Wasser gesäubert. Jetzt werden sie von den Kindern zubereitet. Die Eltern und Großeltern müssen weiter arbeiten. Ihr Soll ist noch nicht erfüllt. Auch Tarun bleibt da. Als die anderen fort sind, schaut er kurz auf und sagt ganz leise: „ Die Arbeit ist schon sehr anstrengend! Ich würde auch mal gerne mit zur Schule gehen! Dann beugt er seinen Kopf über den Ziegel und die kleinen Hände arbeiten weiter.

Sehen Sie hier das Video über Tarun und die Ziegelfabrik

AdventsZeit 2019 (c) Robert Boecker

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