(c) Robert Boecker

Zwischen Fußballgott, Kerzen und Gebeten

  • 09.08.18 13:50
  • Robert Boecker
  •   Nachgefragt

Herr Spinner, was fühlen Sie, wenn Sie in der Andacht vorne

stehen, in den überfüllten Dom blicken und dann eine Fürbitte

vortragen?

 

Dafür gibt es nur ein Wort: Gänsehaut. Vor 7000 Menschen in der Lanxess-

Arena bei der Mitgliederversammlung auf der Bühne zu stehen und

zu reden, ist nicht mit der Situation im Dom zu vergleichen. Den Schrein

der Heiligen Drei Könige im Rücken zu haben und dann im Dom das zu

sagen, was mir auf dem Herzen liegt, das ist dann doch ein gewaltiger

Unterschied. Da muss man dann schon aufpassen, dass man nicht feuchte

Augen bekommt. Mir hilft es in diesem Moment, dass ich so lange

Messdiener war und weiß, wie man sich im Altarraum zu bewegen hat.

 

Was kann die Kirche vom Fußball lernen?

 

Menschen nah zu sein. Wir sind ein Club, der versucht, spürbar anders

zu sein. Auch im Verhältnis zu unseren Fans, die aus allen Schichten der

Gesellschaft kommen. Für uns als Verein ist der Dialog mit den Fans

und den Mitgliedern, die ja eine Schnittmenge bilden, extrem wichtig.

Wir wollen wissen, was geht den Fans durch den Kopf? Vor diesem

Hintergrund gibt es einiges, das Kirche von uns lernen kann. Ich gehöre

zur Pfarrei St. Pankratius in Köln-Junkersdorf. Wenn ich sehe, von welchem

Großgebilde meine Pfarrei jetzt nur noch ein Teil ist, dann macht

mich das schon traurig. Ich habe gelernt, Wertschätzung den Menschen

zukommen zu lassen, die sich am Geißbockheim über die Maße engagieren,

egal in welcher Funktion. Diese Wertschätzung fehlt in der

Kirche manchmal. Darüber hinaus halte ich persönlich es für wichtig,

dass sich die Kirche gesellschaftspolitisch noch stärker zu Wort meldet

und Position bezieht. Hinzu kommt die Frage der aus meiner Sicht fehlenden

Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche. Auch die

Kirche muss darüber nachdenken, wie sie den Herausforderungen der

modernen Gesellschaft gerecht werden kann.

 

Spielen Ethik und Moral auf dem Platz oder im Verein eine Rolle?

 

Ich denke, dass wir in unserem Verein da schon großen Wert drauf

legen. Wir sind zum Beispiel stolz, dass wir seit Jahren immer unter den

fairsten Teams mit den wenigsten Roten und Gelben Karten sind. Es ist

eine ganz klare Forderung von mir und dem Verein an die Spieler, die

man plakativ gesprochen auf die Formel bringen kann: 51 Prozent Charakter,

49 Prozent Fußball. Wir schauen bei Spielern, die wir verpflichten,

eben nicht nur darauf, ob sie gut Fußball spielen können. Wenn man

sich vor Augen führt, dass wir manchmal als „Klostertruppe“ bezeichnet

werden, wird deutlich, dass von den gemachten Vorgaben auch

etwas bei den Spielern angekommen ist.

 

Ist „Klostertruppe“ denn für Sie ein positives Attribut?

 

Aus ethischer Sicht verstehen wir diesen „Titel“ auf jeden Fall für uns

positiv. Was diese Werte angeht, über die wir gesprochen haben, machen

wir hier beim 1. FC Köln einen hervorragenden Job. Unser Motto „Spürbar

anders“ ist Teil unserer Genetik. Dass dies aber nicht nur einfach ist,

erleben wir Woche für Woche im Stadion. Da kommen auch Menschen

hin, die ihre Mentalität ausleben wollen. Und dazu gehören für sie

manchmal auch Pyrotechnik und Böller, also auch Ordnungswidrigkeiten

bis hin zu Straftaten. Da muss man als Verein schon vorsichtig sein. Deshalb

ist mir unsere Stadion-Verbots-Kommission so wichtig. Bei uns werden

die Fans, die aufgefallen sind oder unter diesem Verdacht stehen und

denen ein Stadionverbot droht, angehört. Was kaum jemand weiß: In

dieser Kommission ist auch das Erzbistum Köln vertreten, nämlich in Person

des Pfarrers von St. Pankratius, Dr. Fey. Und glauben Sie mir: Wenn

der Pfarrer dort mit weißem Priesterkragen sitzt und einen Beschuldigten

nachdrücklich und ernsthaft befragt, dann hat schon mancher Delinquent

sehr kleinlaut seine Taten eingeräumt. Einen Pfarrer lügt man eben auch

heute noch nicht so schnell an.

SommerZeit 2018 (c) Robert Boecker

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