(c) Meinolf Wacker

go4peace: „Europa braucht face-to-face-Begegnungen“

  • 04.07.19 12:34
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Wacker, wie ist das Projekt „go4peace“ entstanden?

Begonnen hat alles in den Kriegswirren des Balkans. Kardinal Lehman fragte am Weihnachtsfest 1995, ob nicht der Wiederaufbau in Bosnien und Herzegowina auch eine Herausforderung für junge Leute aus Deutschland sein könne. Auf diese Frage haben wir geantwortet und sind 1996 erstmals zu einem Aufbau-Camp in Nordbosnien gewesen. Mittlerweile sind über 1500 junge Leute aus über 25 Nationen in den Begegnungscamps in Bosnien und anderen Ländern Ost-Europas gewesen. Das bunte Beziehungs-Netz go4peace ist daraus entstanden. Neben dem anfänglichen äußeren Aufbau ging es uns immer auch um den inneren Aufbau. So schauen wir seit über 25 Jahren jeden Morgen in das Tagesevangelium und verdichten es auf ein kleines einprägsames Motto. Mit diesem Motto leben sie - über ganz Europa verstreut und sammeln Erfahrungen. So gewinnt das Evangelium für sie mehr und mehr an prägender Bedeutung.

 (c) Meinolf Wacker

Wie verändert die jungen Menschen die Begegnung mit Jugendlichen aus anderen Ländern und Kulturen?

„Tirana – wo liegt das denn? Hab ich noch nie gehört! Klingt irgendwie russisch!“ Solche Worte hören wir immer zu Beginn der Camps.

Und dann lernt Simon aus Norwegen Elona aus Tirana kennen und entdeckt, dass Tirana die Hauptstadt eines europäischen Landes ist, nämlich von Albanien. Und dann erfährt er in der face to face – Begegnung so manches über die schwierigen Lebensbedingungen auf dem Balkan und erlebt zugleich eine junge Albanerin, die ein sehr gutes Englisch spricht und begonnen hat, ihr Leben in die Hand zu nehmen. – Europa in seiner Buntheit und mit seinen vielen Facetten bekommt so für die jungen Leute ein lebendiges Gesicht.

Bald wird das nächste Youth Camp stattfinden und Sie werden mit jungen Menschen aus vielen Ländern, vor allem Ost- Europas ab dem 19.07. zehn Tage in Brno, in Tschechien sein. Was wird da passieren?

Wir werden mit den 120 jungen Europäern aus 17 verschiedenen Nationen in vielen Workshops zusammen arbeiten und gemeinsame Erfahrungen sammeln. Daneben gibt’s einen Europa-Tag, an dem wir den gesamten Kontinent mit seinen vielfältigen Themen und Herausforderungen in Blick nehmen. Und als Höhepunkt gibt’s die go4peace-Agape, ein Festessen für und mit den Obdachlosen von Brno. Dazu hat uns die internationale Gemeinschaft „l’eau vive“ ihre Küche zur Verfügung gestellt. Jeder Obdachlose bekommt einen richtig schönen Löffel aus Edelstahl geschenkt, den er als Erinnerung behalten und für seinen Alltag gut gebrauchen kann. Und die Abende werden wieder bunteste Vielfalt pur sein – mit Gesprächen und Liedern, Tänzen und Spielen.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Am meisten freue ich mich auf die Abendrunden. Jeden Abend nach der Messe laden wir zum Austausch (sharing) ein. Es geht dabei darum, die kleinen Erfahrungen, die wir mit dem Mottos gemacht haben, einander zu erzählen. Das ist immer total spannend, erleben zu dürfen, wie junge Leute auf einmal die Kraft der Worte Jesu entdecken und die power, die drinnen steckt, als die Dynamik des Heiligen Geistes verstehen lernen. Das ist moderne Apostelgeschichte. Wir dürfen erleben, wie Gott am Werk ist. Ich bitte Gott dann: „Lass mich Dein Werkzeug sein und lass mich Dir bei Deiner Phantasie nicht im Wege stehen!“

 (c) Meinolf Wacker

Sie haben go4peace und viele Projekte, die daraus entstanden sind, initiiert und brennen nach wie vor dafür. Warum?

Ich habe als junger Student das Evangelium in seiner Leuchtkraft entdecken dürfen. Das liegt nun über 35 Jahre zurück. Aber das gelebte Evangelium hält (mich) total jung und fit. Wir können es leben – an jedem Ort der Welt, zu jedem Zeitpunkt und mit jedem Menschen. Wer diese Entdeckung einmal gemacht hat, der brennt – für immer!

Wieviel Hoffnung können uns die jungen Menschen geben für ein weiter friedliches und hoffentlich noch toleranteres und offeneres Europa?

Von der Wortwurzel bedeutet „Europa“ ja „Weitsicht“. Am Pfingstwochenende hatten wir 30 junge Gäste aus dem Osten und Südosten Europas und haben mit ihnen und Renovabis die 27. Pfingstaktion in unserer Pfarrei Heilige Familie Kamen beschlossen. Am Samstagnachmittag haben die jungen Europäer erzählt. Es war so viel Hoffnung und Aufbruch zu spüren, dass mir später ein älterer Mann sagte: „Als ich Euch zugehört habe, da sind mir die Tränen gekommen. Ich habe Gott unter Euch allen am Werk gespürt und ich habe verstanden: Europa hat Zukunft, wenn wir Gott am Werk sein lassen.“ Die Hoffnung für Europa liegt in den vielen face-to-face-Kontakten, die im Evangelium gegründet ein weites Herz schenken und damit Weitsicht ermöglichen.

SommerZeit 2019 (c) Robert Boecker

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