Konrad Beikircher (c) Tomas Rodriguez

"Ich glaube und deshalb weiß ich..."

  • 28.06.16 10:37
  • Martin Mölder
  •   Nachgefragt

Herr Beikircher, Ihr erstes Programm, das sich mit den Eigenheiten der Kölner beschäftigt, heißt „Himmel un Ääd“, also Himmel und Erde. Glauben Sie an den Himmel im religiösen Sinne?

Nicht im Sinne der Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen. Das wäre ein eigenartiger Herrgott, der Rache über den Tod hinaus zelebrierte. Aber nach dem Leben in so einer Welt muss es einfach einen Himmel geben, sonst bleib ich gleich hier, wenn es danach nicht besser wird.

Sie sprechen in ihren Programmen immer süffisant vom „normalen Glauben“ im katholischen Köln. Welche Rolle spielt der Glauben in ihrem Leben?

Für mich ist und bleibt die Bergpredigt und der Geist der Bergpredigt verbindlich. Ich fühle mich an sie und ihre Inhalte für das Leben mit meinen Mitmenschen gebunden und versuche, das umzusetzen. Das allerdings gelingt selten. Mein Glauben ist aber nicht so an die kirchlichen Vorschriften gebunden, dass ich mich deshalb in einen Beichtstuhl quetschte um die Absolution zu erlangen. Nicht dass ich mir selbst vergeben könnte, aber ausmachen muss ich mein Versagen schon mit mir, mit wem denn sonst. Und da hilft mir der Glauben daran, dass mein Leben nicht isoliert im Universum herum dümpelt sondern in einem Zusammenhang mit dem Leben als Ganzem steht und das halte ich für unsterblich. Ich glaube und deshalb weiß ich, dass es einen Sinn gibt.

Sie haben früh ihre Frau verloren. Hat sie ihr Tod an Gott zweifeln lassen?

Ich könnte sagen: sie war krank. Ich könnte sagen: wir hatten uns drei Jahre vor ihrem Tod getrennt. Ich könnte sagen: ich kam eine Woche zu spät, sonst wäre es nicht passiert. Nein: ihr Freitod hat mir die Augen für Schuld und für meine Schuld geöffnet. Ich habe das große Geschenk bekommen, es zu sehen und mich jahrelang damit auseinandersetzen zu können. Ich habe versucht - nicht immer mit Erfolg - meine Schuld an ihr, an meinen Kindern wieder gut zu machen. Ich sage mal so: mein Papa, der zwei Jahre vorher gestorben war, hat mich sachte an der Hand geführt und damit der Glaube, den mir die menschenfreundlichen Franziskaner in Bozen vorgelebt haben.

Inwiefern könnte auch die katholische Kirche mehr Humor vertragen?

Ach, wenn doch die Würdenträger weniger Würden tragen würden! "Buona sera" und "buon appetito" ist der beste Einstieg, den ein Papst je hatte. Wenn Papst Franziskus dabei bleibt, wäre er der erste, der die Kirche endlich aus dem Hochmut herausführt. Es wäre allerhöchste Zeit, mit einem Lächeln auf Ämter, Besitztümer, Titel und den ganzen barocken Pomp zu verzichten, aber ob die Kirche so viel Humor hat, wage ich zu bezweifeln.

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