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Dokumentation 2025/26 Christian Behre

Kuenstlerseelsorge

Christian Behre „Rekonstruktion & Simulation“

Das Artist in Residence-Programm der Künstler Union Köln und der Künstlerseelsorge im Erzbistum Köln bietet Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, zwei Monate lang in und mit der Gemeinde St. Maria in Lyskirchen zu leben und zu arbeiten. Oft entsteht das künstlerische Schaffen auf der Empore der romanischen Kirche – mitten im Raum, der zugleich Arbeitsort, Resonanzraum und späterer Ausstellungsort ist. Der Kirchenraum wird dabei nicht nur als Präsentationsfläche verstanden, sondern als Ort der Auseinandersetzung mit Fragen des christlichen Glaubens und gesellschaftlicher Entwicklungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Arbeiten treten in einen Dialog mit dem sakralen Raum, der konkreten Gemeinde und den Besucherinnen und Besuchern. So entsteht ein offener Prozess,  in dem Kunst, Spiritualität und gesellschaftliche Themen miteinander in Beziehung treten und sich gegenseitig bereichern.

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Begrüßung

Christian Behre, der zweite Künstler, widmet sich dem Thema „Verlust“. Er recherchiert zerstörte religiöse Kunstwerke und Bilder, um sie zweifach zu rekonstruieren und nachzubilden: Ein Werk bleibt erhalten, das andere zerstört er bewusst. Durch diese doppelte Setzung eröffnet er einen künstlerischen Denkraum.  Mit seiner Arbeit stellt Christian Behre eine einfache und zugleich komplexe Frage: Was ist uns wirklich verloren gegangen? Diese Frage kann zugleich als eine Frage nach dem verstanden werden, was uns als Menschen trägt und ausmacht. Dass er uns auf kreative Weise und als Künstler diese Frage stellt, ist ein Geschenk – und dafür dürfen wir ihm dankbar sein!

Diakon Patrick Oetterer, Künstlerseelsorger Erzbistum Köln

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Laudatio

Sehr geehrte Gäste,

mein Name ist Barbara Oettl. Als Kunsthistorikerin am Cologne Institute of Conservation Sciences der TH Köln und Dozentin an der Kunstakademie Düsseldorf habe ich Christian Behres Arbeiten in einem Seminar kennengelernt, das Künstler*innen und Restaurator*innen miteinander ins Gespräch brachte. Genau an dieser Schnittstelle entfaltet sich die besondere Kraft seines Werks.

Behres zweiteilige Installationen – etwa nach Caravaggios Der Evangelist Matthäus mit dem Engel, aber auch die hier gezeigten Arbeiten wie der Hl. Sebastian von Ribera, die Mariendarstellungen und die Caritas – kreisen um verlorene  Werke. Er lässt sie nicht einfach wiederauferstehen, sondern erfindet eine mögliche Kunstgeschichte: Zuerst entsteht eine Rekonstruktion A, die den Zustand vor der Zerstörung imaginiert;  ihr gegenüber steht eine Simulation B, die einen möglichen Endzustand nach der Destruktion zeigt.

Die historischen Vorbilder wurden im Zweiten  Weltkrieg zerstört. Zuvor im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum gezeigt, wurden sie 1945 in den Flakturm Friedrichshain ausgelagert, der noch im selben Jahr ausbrannte. Seither gelten die Werke als verloren. Doch was heißt das eigentlich: verloren? Als Kunsthistorikerin hoffe ich bei diesem Wort immer noch auf ein mögliches Wiederauftauchen, auf ein verborgenes Weiterleben. Christian Behre setzt an genau dieser Stelle an.

Seine Arbeit beginnt mit akribischer Recherche. Nur Gemälde, deren Zuschreibung gesichert und deren Geschichte bis zur Zerstörung nachvollziehbar ist, finden Eingang in die Serie Rekonstruktion/Simulation. Behre studiert Literatur, Fotografien, Maße, Bildträger, Keilrahmen, Maltechniken und Vergleichsobjekte. Aus diesem Wissen entwickelt er Bilder, die nicht Kopien sein wollen und schon gar keine Fälschungen. Es sind Imitationen dessen, was gewesen ist – und dessen, was hätte bleiben können.

Dabei imitiert Behre nicht nur die Malerei Alter Meister. Auch die Präsentation gehört zum Werk. Rahmen werden maßgerecht nachgebildet, Zierelemente abgeformt, Stuck gegossen, Oberflächen vergoldet. Die Materialliste seiner Bilder liest sich wie eine historische Malerpalette: Zinnoberrot, Umbra, Ocker, Olivgrün, Kobaltblau, Krapplack, Chromoxidgrün, Vandyckbraun. Alles dient der Annäherung an ein Original, das real nicht mehr  existiert.

Doch das Entscheidende ist: Ein zweites, identisches Bild darf nicht unversehrt bleiben. Die Zerstörung ist kein beiläufiger Akt, sondern Teil des  künstlerischen Prozesses. Erst im Nebeneinander von Vorher und Nachher wird Geschichte sichtbar. Malerei, Bildhauerei und Installation greifen ineinander; Recherche, Herstellung, Verdopplung,  Rahmung und Destruktion bilden ein erzählendes und konzeptuelles Ganzes.

So fragt Behres Werk nach Erinnerungskultur:  Wie erhalten wir kulturelles Erbe, wenn die Dinge selbst verschwunden sind? Was bewahren wir,  was vergessen wir, und welche Verluste gelten als betrauerbar? Diese Fragen verbinden seine Werkgruppe mit größeren kulturwissenschaftlichen Überlegungen. Verlust ist kein Ausnahmefall, sondern ein Grundproblem der Moderne. Wir erleben, dass Dinge, Bedeutungen und Funktionen verschwinden – manchmal plötzlich, manchmal durch unser eigenes Weggeben, Ersetzen und Vergessen.

Auch in anderen Arbeiten Behres spielen Fragmentierung, Entwertung und Bilderzerstörung eine zentrale Rolle. Gebrauchte Teller, Möbel vom Sperrmüll oder weggeworfene Materialien werden zu Trägern der Frage, welchen Wert Dinge einmal hatten und warum sie aus unserem Blick geraten sind. Seine Kunst hält diese Differenz zwischen Vergessen und Erinnern offen.

Dem „doing loss“, dem tätigen Betrauern verlorener Gegenstände und Ereignisse, setzt Behre ein „doing future“ entgegen: eine künstlerische Form des Weiterdenkens. Seine Arbeiten zeigen, wie Dinge in der Kunst weiterexistieren können, wenn  ihre ursprüngliche Funktion oder Bedeutung verloren gegangen ist.

Damit ist Christian Behres Werk nicht nur ein Beitrag zur zeitgenössischen Kunst, sondern auch zum kollektiven Erinnern. Lieber Herr Behre, ich  gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem Werk und zu  dieser Ausstellung.

PD Dr. phil. habil. Barbara Ursula Oettl
Fakultät für Kulturwissenschaften 
Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft (CICS)

Rekonstruktion & Simulation Bilderserie

14 Bilder

Christian Behre

Im Zentrum meines Projekts steht die Auseinandersetzung mit zerstörten Kunstwerken – insbesondere mit Gemälden, die während des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Ausgangspunkt ist der Gedanke, dass mit der physischen Zerstörung eines Bildes nicht nur ein materielles Objekt verschwindet, sondern auch ein Teil kultureller und religiöser Bedeutung verloren geht.

Für die Ausstellung habe ich mich mit Werken beschäftigt, die im Berliner Flakturm Friedrichshain eingelagert waren und dort 1945 verbrannten. Alle  ausgewählten Gemälde stammen ursprünglich aus der Sammlung der Gemäldegalerie des Kaiser-Friedrich-Museums.

Meine Arbeit folgt zwei Ansätzen: Die Rekonstruktion versucht, ein Bild auf Grundlage historischer Quellen, Fotografien und Beschreibungen wieder  sichtbar zu machen. Die Simulation hingegen zeigt das Werk als beschädigtes oder fragmentiertes Bild und verweist damit auf seinen Verlust.  

Durch diese Gegenüberstellung entsteht ein Spannungsfeld zwischen Präsenz und Abwesenheit, Erinnerung und Zerstörung. Die Arbeiten laden dazu ein, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Bedeutung religiöse Bilder heute noch haben und was es bedeutet, wenn sie aus der Geschichte verschwinden.

Künstlerseelsorge im Erzbistum Köln

Künstler-Union-Köln

Künstlerseelsorge im Erzbistum Köln

Marzellenstraße 32
50668 Köln

Diakon Patrick Oetterer