Aus Wasser und Geist geboren:Das Namurer Taufbecken in St. Johannes der Täufer in Erkrath

Taufbecken:
Material: Sog. Blaukalkstein (Schwarzer Kalkstein)
2. Hälfte 12. Jh.
Höhe: 90 cm, Breite und Tiefe: circa 105 cm
Deckel:
Material: Kupfer (getrieben), Messing
Wilhelm Giesbert, Aachen
1912
Höhe: 63 cm
Die Kirche St. Johannes der Täufer in Erkrath beherbergt ein romanisches Taufbecken, welches diesen Monat als besonderes Objekt in den Fokus gerückt werden soll. Ganz genau datieren lässt sich das Taufbecken nicht. Eine Entstehung parallel zur Bauzeit der Kirche, also in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, erscheint jedoch plausibel. Anhand des Materials und der Gestaltung lässt sich das Taufbecken einer bestimmten Gruppe von Taufbecken zuordnen: Den sogenannten Namurer Taufbecken. Der Name geht auf die Herkunft des Steines zurück, den Ort Namur in Belgien. Namurer Taufbecken finden sich am Niederrhein in zahlreichen Kirchen, z.B. im Münster St. Vitus in Mönchengladbach oder St. Georg in Euskirchen. Die Häufung der Taufbecken in diesem Gebiet hat praktische Gründe. Der Export der schwergewichtigen Objekte war nur über dem Wasserweg möglich. Der Transport aus Belgien nach Deutschland erfolgte über die Maas und den Rhein, folglich befinden sich die Namurer Taufbecken überwiegend in Kirchen in der Nähe dieser beiden Flüsse.
Typisch für die Namurer Taufbecken ist der schwarze Kalkstein, der sogenannte Blaustein, aus dem sie gefertigt sind, aber auch ihre Gestaltung. Die Taufbecken zeichnen sich durch ihre meist runde Kuppa (lat. „Schale“) aus, die auf einem zylinderförmigen Sockel ruht. Das Becken wird zusätzlich von vier Säulen getragen. Die Kuppa des Erkrather Taufbecken ist mit einer umlaufenden Arkade aus hufeisenförmigen Rundbögen verziert. Besonders ins Auge fallen die Köpfe, die das Becken schmücken. Die vier Köpfe ragen zylinderförmige nach außen. Ihre Gesichter sind stark stilisiert und zeigen keine individuellen Gesichtsmerkmale. Sie zeichnen sich durch ihre langen Nasen, dem neutralen Gesichtsausdruck und der ebenfalls zylinderförmigen Kopfbedeckung aus. Diese Form der Verzierung durch seitlich angebrachte Köpfe ist ein weiteres Charakteristikum der Namurer Taufbecken.
Menschenköpfe finden sich an vielen Taufbecken dieser Zeit. Zu ihrer konkreten Bedeutung gibt es verschiedene Theorien. Sie könnten eine tragende Funktion als Deckelhalter oder als Standfläche für Kerzen oder Chrisamöl gehabt haben. Weiter gibt es Überlegungen, ob es sich bei den Köpfen um Darstellungen von Bischöfen, Königen, Evangelisten oder den personifizierten Himmelsrichtungen handeln könnten. Da die Köpfe häufig stilisiert und ohne Inschriften oder andere Hinweise auf ihre Funktion gestaltet wurden, bleibt viel Raum für Interpretation. Am wahrscheinlichsten hingegen die Interpretation, dass die Köpfe eine apotropäische – also das Unheil abwehrende − Funktion gehabt haben, um das gesegnete Wasser zu schützen.
Interessanterweise findet sich dieses Gestaltungselement überwiegend auf mittelalterlichen Taufbecken. Mit der Renaissance und dem damit einhergehenden wandelnden Religionsverständnis scheinen die Köpfe ihre Funktion verloren zu haben.
Zu dem Erkrather Taufbecken gehört ein Taufdeckel. Er wurde 1912 von dem Aachener Künstler Wilhelm Giesbert gefertigt. Der Deckel setzt sich zusammen aus einer kupfernen Kuppelschale mit kegelförmigen Spitze und vier seitlich angebrachten Griffen, die auf den vier Eckköpfen des Taufbeckens aufsitzen. Neben den filigranen floralen Ornamenten befindet sich eine lateinische Inschrift auf dem Deckel:
NISI QVIS RENATVS RVERIT EX AQVA ET SPIRITV SANCTO NON POTEST INTROIRE IN REGINVM IDEI JOAN 3.5
„Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Joh. 3,5“
Das Zitat bezieht sich auf den Taufritus und damit auf die Aufnahme in die Gemeinde der Christen. Als sakramentaler Ort der Taufe gehören Taufbecken zur primären Ausstattung jeder Kirche. Häufig gehören sie zudem zu den ältesten Einrichtungsgegenständen einer katholischen Kirche und liefern so über die schriftlichen Quellen heraus Informationen über die Baugeschichte einer Pfarrkirche.
Das Team Inventarisierung wünscht Ihnen einen schönen und segensreichen Start ins neue Jahr 2026.