Art déco in der Kirche:Ein Altarkreuz in St. Gerhard in Troisdorf

Paul Josef Kreiten, Köln
zwischen 1918 und 1927
Kupfer, teilvergoldet
Höhe: 65,3 cm, Breite: 18,3 cm, Tiefe: 16,7 cm
Im Rahmen der Inventarisierung der Kirche St. Gerhard stieß ich im Keller der Sakristei auf ein schlichtes Standkreuz mit erheblichen Gebrauchs- und Alterungsspuren, das ich anhand der rückseitigen Stempelung dem Goldschmied Paul Josef Kreiten (1890–1970) zuordnen konnte. Die Stempelung nennt die Werkstatt seines Vaters Alois, in der er damals Mitarbeiter war, den Entstehungsort (Köln) und darunter sein Meisterzeichen (die Buchstaben P und K unter dem Balken eines lateinischen Kreuzes mit abgewinkelten Enden). Das Kreuz mit ungegliederter Oberfläche und auffallend kurzem Balken ragt aus einer Halbkugel, die – von drei Füßen getragen – gleichsam zu schweben scheint. Der Kreuzstamm wird hervorgehoben durch drei hintereinander gestaffelte Lamellen, die von innen nach außen kürzer werden und entfernt an die Strahlen einer Gloriole erinnern.
Sehr bald bemerkte ich, dass am Kreuz etwas Wesentliches fehlte, nämlich der Korpus, für den die entsprechenden Befestigungsmöglichkeiten am Kreuz vorhanden waren. Im selben Keller entdeckte ich kurze Zeit später einen passenden Korpus aus einem dem Kreuz ähnlichen Material. Er ist T-förmig, nur wenig stilisiert und ähnelt den naturalistischen Darstellungen Jesu aus der Zeit des Historismus vor dem Ersten Weltkrieg. Das Altarkreuz in St. Gerhard trägt erkennbar die Handschrift Paul Kreitens und schlägt gekonnt eine Brücke vom Historismus zur Moderne; es ist im besten Sinn des Wortes ein Werk des Übergangs. Auch andere Arbeiten des Künstlers zeigen Einflüsse des Art-déco-Stils und der 1919 von Walter Gropius gegründeten Kunstschule Bauhaus (1919 bis 1925 in Weimar, 1925 bis 1932 in Dessau, 1932/33 in Berlin). Das Bauhaus gilt bis heute weltweit als Heimstätte der Avantgarde der klassischen Moderne auf allen Gebieten der freien und angewandten Architektur, der Kunst und des Designs. Der Begriff Art déco leitet sich her vom Namen der Pariser Ausstellung „Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes“ im Jahr 1925. Er wird etwa seit den 1960er Jahren als Gattungsbegriff verwendet und auf die Formgebung in vielen Gestaltungsbereichen wie Schmuck, Architektur, Möbel, Fahrzeuge und Kleidermode angewandt. Art déco steht dabei für einen im Jugendstil wurzelnden Aufbruch der klassischen Moderne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ungefähr in die Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg.
Paul Kreiten war der Sohn des Goldschmieds Christian Alois Kreiten (1856–1930), der seit 1903 in der Kölner Komödienstraße arbeitete und besonders durch seine Arbeit am Kölner Ratssilber bekannt wurde. Diese führte sein Sohn fort, der 1927 die väterliche Werkstatt übernahm. Er hatte bei seinem Vater gelernt, viele Jahre in dessen Werkstatt gearbeitet und sich darüber hinaus in der Staatlichen Zeichenakademie Hanau (eine der ältesten Goldschmiedeschulen Europas) in den Bereichen Bildhauerei und Malerei weitergebildet. Für die Kirche St. Gerhard schuf er neben dem Kreuz auch ein Ziborium, eine Custodia und möglicherweise ein Weihrauchfass mit Weihrauchschiffchen.
Die Kunstobjekte der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, zu denen Paul Kreitens Altarkreuz gehört, fristen gerade in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Das mag daran liegen, dass die Entwicklung der Moderne zumindest offiziell mit der nationalsozialistischen Diktatur ab 1933 jäh unterbrochen wurde. Viele Künstler konnten nur noch im relativ geschützten kirchlichen Raum zeitgenössische Werke schaffen. Erst nach 1945 war auch wieder außerhalb von Sakralräumen das Anknüpfen an die Moderne und ihre Verankerung im Alltag der Menschen möglich. Noch heute aber werden Objekte aus den 1920er und 1930er Jahren stilistisch häufig in die 1950er oder gar 1960er Jahre eingeordnet. Das beweist, wie modern – oder besser wie zeitlos – diese immer noch wirken.