Eine Palla in St. Maria und Clemens Bonn-Schwarzrheindorf

Umfeld Kölner Werkschulen (?)
1920-69
Seide, Baumwolle, Mischgewebe, Seidenfäden, gestickt.
Die Kirche St. Maria und Clemens im Bonner Stadtteil Schwarzrheindorf, eine der bedeutendsten romanischen Kirchen unserer Region, bietet eine Vielzahl möglicher Themen, über die in unserer Rubrik „Objekt des Monats“ geschrieben werden könnte. Neben ihrer architektonischen Anlage als Doppelkirche mit zwei Geschossen (Ober- und Unterkirche), die über einen offenen oktogonalen Vierungsturm verbunden sind, ihrem Zyklus polychromer Wand- und Deckenmalereien (ebenfalls M. 12. Jh.), die u. a. die Ezechiel Vision des Neuen Jerusalem darstellen, finden sich hier weitere großformatige Kunstwerke, wie die Skulptur der Maria mit Kind (2. V. 17. Jh.), die Hälfte einer Doppelmadonna, deren Gegenstück sich im Museum Schnütgen Köln befindet, den Jerusalemleuchter von Theo Heiermann (1993), oder den Marienbrunnen von Jochem Pechau (vollendet von Theo Heiermann 1989). Jedes dieser Objekte hat eine spannende, in Provenienz, Entstehung und Werdegang gut erforschte Geschichte zu erzählen. Es war jedoch ein sehr kleinformatiges Objekt, das leicht hätte übersehen werden können, welches bei der Inventarisierung im Jahr 2023 wegen seiner außergewöhnlichen Qualität in Entwurf und Ausführung besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat und uns bis heute vor manches Rätsel stellt: Ein quadratisches Parament aus weißem Stoff, innenseitig mit Karton verstärkt, ca. 15 auf 16 cm klein, das in polychromer Stickerei eine Frau und ein Einhorn zeigt.
Die sogenannte Palla (lat. palla = Vorhang) wird in der Eucharistie verwendet, um den Messwein vor Verunreinigungen zu schützen, indem sie wie ein Deckel auf die Kuppa des Kelches gelegt wird. Ursprünglich ein mehrfach gefaltetes Leinentuch, entwickelte sie sich über die Zeit zu der auch hier vorliegenden, innenseitig verstärkten Form. Häufig ist sie weiß auf weiß mit Stickerei oder schlichtem Webmuster gestaltet. Daneben finden sich farbig bestickte Exemplare mit Motiven die von einfachen Monogrammen und Symbolen bis zu aufwändig komponierten Bildszenen reichen.
Die Darstellung der hier vorgestellten Palla zeigt eine Frau mit hellem Nimbus. In blauem Kleid sitzt sie auf dem Boden und streichelt eine kleine bunte Pferdegestalt mit spitzem rosafarbenen Stirnhorn, deren Vorderhufe in ihren Schoß ruhen. Zumindest das Motiv ist schnell entschlüsselt, es handelt sich um den Topos Maria und das Einhorn.
Die Entwicklung und Einordnung dieses Motivs, das sich im Mittelalter des 15. Jh. besonderer Beliebtheit erfreute, lässt sich vor allem auf seine Erwähnung und Auslegung im „Physiologus“ zurückführen. Dieser ursprünglich im 2.–4. Jh. verfasste Text verbindet naturkundliche Beobachtungen über Tiere und Pflanzen mit einer christologischen Auslegung. Neben der Bibel zählte er zu den wichtigsten Schriften des Christentums und wurde immer wieder kopiert und übersetzt. Das Einhorn wird hier als ein scheues, gleichzeitig starkes Tier ziegenähnlicher Gestalt mit einem einzigen Horn auf dem Haupt beschrieben, das nur von einer Jungfrau, der es sich in den Schoß legt, gefangen und gezähmt werden könne. Hieraus entwickelte sich eine der im Christentum beliebtesten Allegorien für die Immaculata conceptio, die unbefleckte jungfräuliche Empfängnis Mariens. Die anonyme Jungfrau des Physiologus wird als die Jungfrau Maria interpretiert, das Einhorn, das im Schoß der Jungfrau gezähmt wird, zum Symbol für Jesus Christus selbst, der durch die Jungfrau Maria Mensch geworden ist.
Im Mittelalter findet sich das Motiv von Maria mit dem Einhorn zum Beispiel auf Altargemälden (vgl. Marienaltärchen, um 1425-30, LVR-Landesmuseum Bonn) aber auch auf Textilien und Tapisserien (vgl. Kissenplatte, Jungfrau mit dem Einhorn, 2. H. 15. Jh., Museum Schnütgen Köln). Im Zuge der Gegenreformation verschwindet der Topos der Jungfrau Maria mit dem Einhorn weitestgehend aus dem Motivkanon sakraler Kunst.
‚Weitestgehend‘ wie die Palla aus St. Maria und Clemens belegt. Unscharf ins 20. Jh. datiert, verdeutlicht sie gleichzeitig die Schwierigkeit ihrer Verortung. Weder das Jahr noch der Ort ihrer Entstehung, geschweige denn die Künstlerin oder der Künstler konnten bisher ermittelt werden. Die feine, malerische Qualität ihrer Stickerei mit schemenhaften polychromen Farbflächen die die Figuren ausfüllen, erinnert eher an die Gemälde Franz Marcs (vgl. Tierschicksale, 1913, Kunstmuseum Basel) als an Stickereien, die uns beispielsweise aus dem Umfeld der Kölner Werkschulen oder der Bonner Paramentenzentrale bekannt sind. Das Motiv des Einhorns wird tatsächlich von Künstlern im ausgehenden 19. Jh. wieder aufgegriffen (vgl. Arnold Böcklin, Heiliger Hein, um 1871, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München – Sammlung Schack). Jetzt steht das Einhorn vor allem für das Potential künstlerischer Erfindung und die Freiheit der Phantasie. Dass es sich als vielfältiges Motiv bis heute gehalten hat, beweist ein Blick in unsere Gegenwartskultur.
So bleibt die Zuschreibung der Palla aus Schwarzrheindorf an eine Künstlerin oder einen Künstler offen. Wie so oft bei unsignierten, undatierten Werken der Textilkunst, zu denen es auch vor Ort keine Aufzeichnungen oder Erinnerung zu Ankauf oder Schenkungen gibt, ist das was uns bleibt, diese Leerstellen, die fehlenden Informationen, die zu diesem Objekt noch nicht zusammengetragen wurden, vorerst zu akzeptieren. Auch das ist Teil unserer Arbeit.
Vielleicht aber liest jemand, der bei der Zuordnung helfen kann, diesen Artikel, erinnert sich möglicherweise sogar ganz konkret an dieses Objekt und seinen Weg in die Ausstattung von St. Maria und Clemens.