Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst, und vor allem: liebe Alwine Baresch, wir stehen heute Abend an einem besonderen Ort. St. Maria in Lyskirchen, die kleinste der zwölf großen romanischen Kirchen Kölns, war über Jahrhunderte die Kirche der Rheinschiffer. Sie kamen hierher, um Schutz zu suchen, Kerzen zu entzünden und für eine glückliche Heimkehr zu danken. Diese Kirche war nie zuerst ein Ort der Mächtigen, sondern ein Ort für Menschen unterwegs: auf Reisen, im Übergang, getragen von Hoffnung.
In dieser Tradition lässt sich auch Alwine Baresch sehen. Auch sie ist eine Aufbrechende: eine junge, außerordentlich talentierte Künstlerin, deren Weg erst beginnt und die doch bereits eine eigene, überzeugende Sprache gefunden hat.
Alwine Baresch wurde 1995 in der Region Banat geboren und wuchs bei Koblenz am Mittelrhein auf. Landschaft ist für sie daher kein nebensächliches Motiv, sondern Erfahrungsraum, Sehnsuchtsort und Frage an das eigene Dasein. Von 2017 bis 2023 studierte sie Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, in der Klasse für Malerei bei Professor Wolfgang Ellenrieder; anschließend wurde sie seine Meisterschülerin. Ein Auslandsjahr in Klausenburg führte sie zurück in die Kunst- und Kulturszene Rumäniens. Während des Studiums wurde sie durch das Cusanuswerk gefördert – ein Zeichen für künstlerische Exzellenz, Reflexionsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft.
Ihre großformatigen Landschaften sind keine Bilder und keine Idyllen. Sie schweben zwischen Erinnerung und Erfindung, zwischen realer Beobachtung und imaginärer Welt. Wir erkennen Hänge, Licht, Atmosphäre – und betreten doch Räume, die uns zugleich vertraut und fremd erscheinen. Baresch arbeitet in Schichten: Hasenleim, Acryl, Ölfarbe; feine Pinsel und grobe Spachtel; Auftrag und Abkratzen. Der Prozess bleibt sichtbar. So entstehen Tiefen, Kippmomente und offene Zonen, die die Betrachtenden einladen, eigene Lesarten zu entwickeln.
Seit Oktober 2025 ist Alwine Baresch die erste Künstlerin im Programm Artist in Residence der Künstler-Union Köln, gemeinsam mit der Künstlerseelsorge des Erzbistums Köln und der Innenstadtpfarrei. In St. Maria in Lyskirchen hat sie gelebt, geforscht und gearbeitet – und jene Werke geschaffen, die nun diesen Raum prägen. Die Arbeit trägt den Titel „Schlussstein“. Der Schlussstein ist der zentrale Stein im Gewölbe, der alles zusammenhält. Um den Schlussstein dieser Kirche sind Sterne zu erkennen – hoch oben, fast verborgen. Alwine Baresch holt diese Sterne herunter auf die Bildflächen und näher zu uns Menschen.
Was macht nun das Besondere an der Malerei von Alwine Baresch aus? Wer ihre Bilder zum ersten Mal sieht, ist zunächst von ihrer Präsenz ergriffen. Die Leinwände sind großformatig, mitunter mehrere Meter breit und hoch. Von diesem architektonischen Kern aus entfaltet sie eine Betrachtung über Schönheit und Gefährdung der Schöpfung, über Natur, Vergänglichkeit, Fülle und Verlust. Gerade in diesem Kirchenraum gewinnen diese Fragen eine besondere Resonanz.
Ich gestehe: Ich bin ein großer Fan dieser Arbeit. Mehrfach stand ich vor Alwine Bareschs Bildern und fragte mich, was mich daran so berührt. Vielleicht ist es die große Sehnsucht, die sie sichtbar machen: die Sehnsucht nach Weite, Geborgenheit, Frieden, Heilung und Sinn. Eine Kirche ist ein Resonanzraum für solche Sehnsucht – und Alwine Bareschs Bilder geben ihr eine Gestalt.
Ihre Landschaften wirken utopisch und magisch, zugleich unbekannt und manchmal beunruhigend. Sie sprechen von Neugier auf das Neue und von Respekt vor dem Unbekannten – vor den nächsten Schritten im Leben, vor unseren Beziehungen, vielleicht auch vor Gott.
Liebe Alwine, du hast diesen Ort bewohnt, befragt und verwandelt. Du hast der Gemeinde etwas von deiner Kunst geschenkt, und wir dürfen heute Abend eintreten in das, was daraus entstanden ist. Wir gratulieren dir von Herzen zu dieser Ausstellung und zu einem Weg, der mit Konsequenz, Tiefe und Offenheit beschritten wird. Möge „Schlusstein“ viele Menschen berühren – und das Unendliche ein kleines bisschen spürbar machen.
Dr. Sophia Fazio
Referentin (Auswahlverfahren für Studierende an Kunsthochschulen) im Cusanuswerk, Bischöfliche Studienförderung, Bonn