Aschermittwoch: Wenn Kunst und Kirche sich begegnen

Interview mit Künstlerseelsorger Diakon Patrick Oetterer

7. Februar 2024 Newsdesk/jpr

Prachtvolle Deckenfresken, sorgfältig gemeißelte Skulpturen und detailreiche Altarbilder in Kirchen zeugen von einer jahrhundertealten Beziehung zwischen Kunst und Kirche. Bis heute sind Kirchen wahre Kunstschatzkammern und beherbergen lebendige Übersetzungen religiöser Texte. 

Diakon Patrick Oetterer ist seit Januar 2024 Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln. Er kennt die Herausforderungen und Sorgen von Künstlern und weiß um ihren wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Am 14. Februar veranstaltet er in seiner neuen Rolle zum ersten Mal die traditionelle Feier für Kunstschaffende im Erzbistum Köln – den Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler. Im Interview spricht er über die spannende Beziehung von Kunst und Kirche und seine Aufgaben als Künstlerseelsorger.

Der Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler ist eine jährliche Veranstaltung für Kunstschaffende aller Gewerke. Warum ist es so wichtig, dass die Kirche den besonderen Kontakt zu kreativen Menschen sucht?

Kirche und Glaube stehen seit Jahrhunderten in tiefer Relation zur Kunst. Der Aschermittwoch der Künstler geht auf die Überzeugung zurück, dass Kunst und Kirche – Künstler und Seelsorger – sich gegenseitig bereichern können. Kunst kann dem Glauben eine Form geben und stellt Fragen zu Welt, Gott und Mensch auf eine kreative und manchmal provokative Weise. Künstler sind dabei wie Seismographen, die menschliche Tiefen erforschen, um daraus Impulse für die Gestaltung der Welt anzuregen.

Die Kirche hat die Aufgabe, die Frage nach Gott aus christlicher Sicht lebendig zu halten, im Sinne des menschlichen Wohls. Im Gespräch mit Künstlern sollte dies offen und selbstbewusst eingebracht werden.

Denn gerade Künstler verstehen als Seismographen, die sie sind, dass ein Leben ohne Gott an Fülle verliert, und stattdessen innere Leere, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit drohen.

Aus Sicht der Kirche sollte also jede Kunst gestärkt, ermutigt und unterstützt werden, die den Menschen vor und in dem Geheimnis der Liebe Gottes begreift.

Darum nehmen wir die im 20. Jahrhundert teils unterbrochene Beziehung von Kunst und Kirche wieder auf und versuchen sie stetig zu vertiefen. Die Kirche sollte hier weiterhin die Initiative ergreifen, auf die Vertreterinnen und Vertreter der Kunst zugehen, das Gespräch suchen, und Unterstützung anbieten. Dem dient dieser Festtag der Begegnung. Vorangestellt ist ihm die Feier der Eucharistie, die Danksagung als „Kunstwerk Gottes“.

Wenn man eine Kirche besucht, sieht man oft biblische Geschichten in Gemälden und Skulpturen dargestellt. Wie trägt Kunst zur Vermittlung biblischer Botschaften bei?

Kunst veranschaulicht und erzählt noch einmal auf die ganz eigene Weise des Künstlers die gehörte oder gelesene biblische Erzählung. Das Besondere daran ist, dass das Ergebnis eben nicht eine einfache plakative und insofern naive Verdoppelung ist. Stattdessen lässt der Künstler seine eigene Perspektive, die eigene Erfahrung und Entdeckung und die eigene Interpretation mit in die Gestaltung des Kunstwerkes einfließen.

So werden wir als Betrachter zum Staunen, zum Wiederentdecken des Bekannten oder Neuentdecken angeregt.

Kunst vermag es, Unsichtbares aufzudecken, vordergründig Sichtbares auf Tiefe und Wahrhaftigkeit hin zu prüfen und Schönheit zum Leuchten zu bringen.

Sie vermag Akzente zu setzen, Perspektiven aufzuklären und gängige Sichtweisen auf den Kopf zu stellen, um zu hinterfragen: kann das Glaubens-Bekannte weiterhin Orientierung bieten und uns tragen?

Dies geschieht unter den Bedingungen, Kenntnissen und Fragestellungen sowie den Mitteln der Zeit. Insofern kann Kunst aus christlicher Perspektive dort den Menschen helfen – in unserem Fall auch in Kirchen –, wo mittels ihrer Kunstwerke Sehhilfen angeboten werden. Diese Sehhilfen können den Menschen aus seiner Lethargie und Gewohnheit herausführen, um ihm seine wahre Tiefe und göttliche Bestimmung zu zeigen. Kunst kann dazu ermutigen, umzukehren und das eigene Herz zu Gott hin zu wenden. 

In Kirchen als Kulturträger und Kunstschatzkammern können wir also den fruchtbaren Austausch zwischen Künstlern und Kirche bestaunen. Auf der anderen Seite ist Kunst jedoch auch dafür bekannt harte Kritik zu üben. Symbiose oder Konflikt: Welches Verhältnis beobachten Sie zwischen Kirche und Kunst?

Ich beobachte ein sehr vielfältiges und differenziertes Verhältnis, das meist von der Persönlichkeit des Künstlers abhängt und seiner Entscheidung, wie er sich zu Glaube und Kirche bzw. religiösen Themen und Fragen verhält. Eine allgemein feststellbare und eindeutige Linie in Richtung vollständiger Ablehnung von Glaube und Kirche oder umgekehrt in Richtung einer völligen Übereinstimmung mit all ihren Positionen und Glaubensaussagen sind recht selten. 

Auch umgekehrt gilt, dass Gläubige und Seelsorger Kunst und Künstler differenziert sehen, wenn sie sich denn mit ihnen befassen. Und dann kann man auf beiden Seiten feststellen, dass man nur wenig übereinander weiß und es viel Unkenntnis gibt. Wenn man dann bedenkt, wie sehr sich beide Seiten im Gespräch bereichern können, dann wird deutlich, wie sehr wir angesichts der gegenwärtigen Krisen und im Streben für eine menschliche Zukunft ein viel tieferes Miteinander, ein Suchen, Fragen und Ringen benötigen. Dazu gehört selbstverständlich, dass jede Seite die Autonomie des anderen achtet. 

Zu Ihren Aufgaben als Künstlerseelsorger gehört es, Kunstschaffende zu unterstützen. Wozu benötigen Künstlerinnen und Künstler eine besondere seelsorgerische Betreuung?

Manche Eltern raten ihren Kindern, bloß nicht irgendeine Art von Künstlerberuf anzustreben; das sei eine brotlose Kunst. Und tatsächlich gibt es zahlreiche Künstler, denen es finanziell sehr schlecht geht. Die Künstlerseelsorge versucht in solchen Fällen, die bekannt werden oder wo sich Künstler von sich aus melden, mit Hilfe von Spendern oder Stiftungen auch finanziell zu helfen. 

Daneben gibt es bei Kunstschaffenden auch soziale Nöte wie Einsamkeit, die manches Mal aus einem Nichtverstandenwerden der Kunst und deren mangelnder Anerkennung resultieren kann.

Viele Künstler beschäftigt zudem die Frage, was wird aus meinen Werken, wenn ich alt werde und sterbe. Wie kann ich es geeignet der Nachwelt hinterlassen, dass es weiter seine Wirkung tun, seine Anerkennung findet kann? Gespräche darüber sind Teil von Seelsorge. Und dann gibt es noch die menschlich-seesorgliche Begleitung in Krisensituationen oder im normalen Alltagsleben, Krankenbesuche, Krankenkommunionfeiern, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Der Künstlerseelsorger ist demnach auf ganz unterschiedliche Weise Ansprechpartner, Helfer, Begleiter und Berater, wobei religiöse Themen und Fragestellungen intensiv besprochen werden können.

Zur Person Patrick Oetterer

1962 in Dorsten geboren, studierte Patrick Oetterer Katholische Theologie, Philosophie sowie Ur- und Frühgeschichte an der Universität Münster. Seine berufliche Laufbahn im kirchlichen Dienst begann er als pädagogischer Mitarbeiter des Bildungswerks der Erzdiözese Köln. Nach einer Tätigkeit als Referent für Kunst und Kultur im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz ging er 2001, im Jahr seiner Diakonenweihe, als Redakteur für Theologie, Liturgie und Kultur zum Kölner Domradio.

Von dort wechselte er 2005 ins Erzbischöfliche Generalvikariat und leitete zuletzt seit 2016 das Referat Geistliches Leben und Exerzitienhaus. Zahlreiche außeruniversitäre Ausbildungen, zum Beispiel zum Telefonseelsorger und zum Geistlichen Begleiter, runden sein Profil ab. Patrick Oetterer ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Über den Aschermittwoch der Künsterlinnen und Künstler

Nach dem II. Weltkrieg wurde zum ersten Male auf Anregung von Paul Claudel in Paris ein "Aschermittwoch der Künstler" ins Leben gerufen. Der mit Claudel befreundete zeitgenössische Kölner Stadtdechant Dr. Robert Grosche griff diesen Gedanken auf und regte eine ähnliche Initiative für Köln an.

Inzwischen werden in mehr als hundert Städten der Welt solche Besinnungstage gehalten. Ziel ist eine religiöse Standortbestimmung der Künstler, die Begegnung mit dem jeweiligen Bischof und der Künstler untereinander, das fürbittende Gedenken für die im vergangenen Jahr verstorbenen Künstler und (in Köln seit 1953) das Setzen kultureller Schwerpunkte.