In Motiven drückt sich Mangel an Teilhabe aus

22. November 2022 Newsdesk/ke; Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V.

Köln. Auf Ini­tia­tive des Köl­ner Diö­zesan-Caritas­ver­bandes haben sich Men­schen, die Ange­bote der Cari­tas im Erz­bistum Köln nutzen, künst­lerisch mit dem Thema Ar­mut aus­einan­der­ge­setzt. Aus den Fra­gen, was es be­deutet, arm oder abge­hängt zu sein, nicht dazu­zuge­hören oder tag­täg­lich um Aner­kennung zu rin­gen, sind 24 Motive ent­stan­den. Zu sehen sind sie im Wand­kalen­der „TEIL SEIN“, der kosten­los über den Diö­zesan-Ca­ritas­verband be­stellt wer­den kann.

Wunsch nach so­zialer Teil­habe

„Ich fand es immer sehr scha­de, in Düssel­dorf zu leben, aber auf keine kul­turellen Events ge­hen zu können. Auch wir ob­dach­losen Men­schen wollen mal die Nacht der Mu­seen er­leben, For­tuna bei einem Heim­spiel an­feu­ern oder auf ein aus­er­kauf­tes Kon­zert der To­ten Ho­sen ge­hen, aber dafür fehlt uns ein­fach die Koh­le.“ Das schreibt Ingo, 49, zu sei­ner Collage, zu sehen hier: www.caritasnet.de/kalender/04/

In­go über­nach­tet re­gel­mäßig in der Not­schlaf­stelle Hart­korf­straße der Franz­freun­de in Düssel­dorf. Für ihn und so viele an­dere Men­schen wer­de „die Hoch­kultur, die in Theatern und Mu­seen so uner­reich­bar scheint, durch den Man­gel an Zu­gäng­lich­keit zur Chiffre für Un­gerech­tig­keit“, sagt Angelia Schels-Bernards vom Köl­ner Diö­zesan-Caritas­ver­band. Diese Un­gerech­tig­keit mani­fes­tiere sich in der struk­turellen Aus­gren­zung der von Ar­mut be­troffe­nen Men­schen.

„Dazu­zuge­hören und mit­hal­ten zu können, ist nicht ein­fach nur ein per­sön­licher frommer Wunsch, son­dern ein Grund­recht, das dem deut­schen Staat das Ge­bot auf­erlegt, allen Bür­gerinnen und Bür­gern das Exis­tenz­minimum zu ge­währ­leis­ten“, sagt der Kölner Diö­zesan-Caritas­direk­tor Dr. Frank Johannes Hen­sel. Dabei gehe es um mehr als nur zu über­leben. „Der Mensch als Per­son exis­tiert not­wendig in sozia­len Be­zügen.“ Und dazu ge­höre eben auch die Teil­nahme an Kunst und Kultur.

Den Men­schen zu­hören und Kul­tur schaffen

Zur Ent­stehung des Kalen­ders sagt Angelika Schels-Bernards, man habe an­gesichts der großen Kri­sen „nicht ein­fach ein wei­teres Klage­lied sin­gen“ wollen. „Da hört in der großen Krise grad nie­mand mehr zu.“ Man habe viel­mehr die Caritas-Struk­turen ge­wählt und den Men­schen, die sie nutzen, zu­gehört. „Lasst uns davon er­zählen, lasst uns Kunst machen. Lasst uns ge­mein­sam Kul­tur schaffen.“

Den Kalen­der gibt es kosten­los beim Diö­zesan-Caritas­ver­band. Er wird zudem an alle NRW-Land­tags­abge­ord­neten der demo­kra­tischen Par­teien ge­schickt. „Im kommen­den Jahr soll dann dazu ein Aus­tausch mit den Poli­tikern statt­finden, um über wirk­same Maß­nahmen der Teil­habe zu sprechen“, so Dr. Frank Johannes Hensel.

Vorstellung des Wandkalenders am Welttag der Armen (13.11.2022)

 

 

Drei Fragen an … Michaela Hofmann

Michaela Hofmann ist Referentin für Allgemeine Sozialberatung, Armutsfragen, Frauenhäuser und Gewaltschutz. Seit über 15 Jahren gestaltet sie Treffen für Menschen mit Armutserfahrung sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Weiteren Kontakt zu Menschen mit Armutserfahrungt hat sie durch die meist telefonischen Beratungen im Kontext der Anfragen über den ALG II Rechner der Caritas. Frau Hofmann gehört zum Koordinationsteam des Projektes " TEIL SEIN ".

Wie ist die Idee zu dem Kreativprojekt „TEIL SEIN “ entstanden, und wie haben die von Armut betroffenen Menschen, deren Werke den Kalender schmücken, sie aufgenommen?

Ein Teil der Gesellschaft sein zu wollen und gesellschaftlich teilnehmen zu können, ist ein Grundbedürfnis von Menschen. Leider wird ihnen dies durch die zu niedrigen Regelsätze und die hohen Schwellen des Zugangs zu Theater, Museen, Sport- und anderen Freizeitveranstaltungen oft verwehrt. Hinzukommen Zuschreibungen wie sozial schwach, Schmarotzer, faul zu sein oder nicht verantwortlich für ihre Kinder sein zu können, die Menschen mit geringem Einkommen und vielfältigen Lebenserfahrungen, die Möglichkeit an der Teilhabe und des Teilseins nimmt. In der Koordinierungsgruppe haben wir lange über TEIL SEIN und wie das umgesetzt werden kann, gesprochen und auf einmal war die Idee da, einen Kalender gestalten zu lassen.

Wie erfolgte die Umsetzung dieser Idee? Gab es Treffen, an denen sich die beteiligten Menschen ausgetauscht und ihre Kalenderblätter gestaltet haben oder hat jeder für sich gearbeitet?

Die Einrichtungen der Caritas im Erzbistum Köln wurden angeschrieben, die Idee unterbreitet und nach Interesse gefragt, denn diese stehen mit vielen Menschen, die teilnehmen möchten, in Kontakt. In einem Workshop wurden Ideen ausgetauscht und Überlegungen erörtert, was alles in den Kalender kann, und dann arbeiteten die Gruppen vor Ort an ihrer Idee. Ein Austausch aller Beteiligten ist leider aufgrund der dann doch schnell verrinnenden Zeit nicht zustande gekommen.

Es sind künstlerisch einige sehr beeindruckende Werke für diesen Kalender entstanden. Wird das Projekt weitergeführt oder gibt es andere Projekte, um die künstlerische Ader dieser Personen zu fördern und ihnen so eventuell eine neue Perspektive zu geben?

Im nächsten Jahr wird eine große Veranstaltung zum Thema TEIL SEIN , Teilhabe stattfinden und dazu werden neben Persönlichkeiten aus der Politik auch Experten in eigener Sache eingeladen, mitzuwirken. Auch dort wird es Möglichkeiten geben, sich kreativ zu beteiligen. Darüber hinaus hat es allen Beteiligten viel Spaß bereitet, sodass die Kreativität weiterhin gefördert wird.