Pfarrer und Pastoralreferentin aus Leichlingen berichten von großem Zusammenhalt

14. Juli 2022 Newsdesk/ke
Pastoralreferentin Inge Metzemacher, Pfarrvikar Dr. Robert Mutegeki, Pfarrer Michael Eichinger

Als die Unwetter­katas­trophe am Abend des 14. Juli 2021 über Nord­rhein-­West­falen und Rhein­land-Pfalz herein­bricht, tritt auch die Wupper in Leich­lingen über die Ufer. „Für mich ist immer noch unbe­greifbar, wie ein sonst so fried­licher Fluss zer­stören und in Schrecken ver­setzen kann“, sagt Pfarrer Michael Eichinger aus der Ge­meinde St. Johannes Baptist und St. Heinrich. Teile der Leich­linger Innen­stadt stehen damals kom­plett unter Wasser, Ge­schäfte sind zerstört, Keller mit Wasser und Schlamm voll­gelaufen, viele Wohnhäuser bis zur ersten Etage nicht mehr bewohn­bar. Tage nach der Flut sind die Auf­räum­arbeiten noch im vollen Gange und das Stadt­bild von Sperr­müll und Un­rat in den Straßen ge­prägt.

Was in diesen schwe­ren Momen­ten Hoffnung gibt? Die enorm große Soli­darität und Hilfs­bereit­schaft, „dass wir nicht alleine sind und in der Not zusammen­stehen“, sagt Pastoral­referen­tin Inge Metzemacher. Auch Pfarrer Eichinger hat die Hilfs­bereitschaft nach­haltig beein­druckt. Er erinnert sich an ein Ge­spräch mit Be­troffenen, die von jugend­lichen Hel­fern aus Solingen er­zählt haben. Sonst fie­len die Jugend­lichen eher unan­genehm an Kar­neval auf, jetzt pack­ten sie bei den Auf­räum­arbei­ten mit an. Andere Helfer brin­gen Essen, bie­ten Wohnun­gen an oder orga­nisieren Hilfs­trans­porte. Auch gibt es finan­zielle und materielle Hil­fen für die Be­troffenen durch private Spen­den. Diese Men­schen haben der Nächsten­liebe „eine kon­krete Gestalt“ ge­geben, fin­det Eichinger.

Die Menschen müssen reden

In den ers­ten Ta­gen nach der Flut gehen der Pfarrer und sein Seel­sorge­team durch die Straßen und reden mit den Men­schen. „Der Gesprächs­bedarf war enorm“, er­zählt Pfarrer Eichinger rück­blickend. „Auch bei denen, die uns gar nicht kannten.“ Im Vorder­grund der Gespräche stehen zu­nächst existen­zielle Fra­gen: Kann das Haus wieder­auf­gebaut werden? Wie lange wird das dauern? Wie wird das finan­ziell werden? Später initiiert die Gemeinde gemein­sam mit einer Psycho­login eine Gesprächs­gruppe, die sich im Pfarr­heim trifft.

Ein Jahr nach der Flut lebe in Ge­sprächen vieles wieder auf, berich­tet Eichinger. Bei Haus­besuchen würden die Ereig­nisse des letz­ten Sommers immer noch ange­sprochen. Seel­sorgliche Ange­bote zur Flut hin­gegen gebe es keine mehr. „Wir haben den Ein­druck, dass die Men­schen, die am schwers­ten trau­matisch be­troffen waren, thera­peu­tische Hilfe be­kommen ha­ben.“ Zum Jahres­tag der Ka­tastro­phe blicken die Men­schen zurück. Einer­seits mit Er­leichte­rung über den Wieder­aufbau, anderer­seits mit Angst vor einer Wieder­holung der schreck­lichen Ereig­nisse. „Bei man­chen löst ein lan­ger Regen­schauer Ängste aus und Er­innerun­gen an die Ka­tastrophe aus dem Sommer 2021 wer­den wieder wach.“

Bera­tungen der Ehe-, Familien- und Lebens­beratung haben zuge­nommen

Angst- oder Panik­attacken so­wie Schlaf­störungen oder schnelle Über­forde­rung und Reiz­bar­keit bis hin zu körper­lichen Schmer­zen können ty­pische Belastungs­reaktionen Be­troffener sein. Jeder Mensch rea­giert unter­schiedlich auf die Flut­katastrophe und geht anders mit den trauma­tischen Erleb­nissen um. Das stellen auch die Mit­arbeiter der Katho­lischen Ehe-, Familien- und Lebens­beratung EFL in Eus­kirchen immer wieder fest. Unmittel­bar nach der Flut gehen Lei­ter Benedikt Kremp und sein Team raus zu den Men­schen und bie­ten nieder­schwellige psycho­logische Bera­tung an. Später kommen Infor­mations­veran­staltun­gen zu ty­pischen Belastungs­reaktionen Be­troffener hin­zu.

Viele Be­troffene suchen aber erst ein paar Mo­nate nach der Flut Hilfe. Laut Jahres­bericht der EFL Eus­kirchen ver­zeichnet die Beratungs­stelle ab Herbst 2021 einen An­stieg an Neuan­meldun­gen für Beratun­gen. Die Be­troffenen er­zählen in den Erst­gesprächen immer wieder, sie hätten erst nach einer Weile rea­lisiert, dass es sinn­voll oder not­wendig sei, sich Hilfe zu holen, schreibt Kremp. Zu­nächst glaub­ten sie, die Belastungs­reaktionen seien nicht so schlimm und würden sich wieder legen.

In den Beratun­gen helfen die sieben Mit­arbeiter der EFL Euskirchen ihren Klien­ten die psychischen Reak­tionen auf das Er­lebte zu ver­stehen und ver­mitteln Übun­gen und Tech­niken zur psychi­schen Stabi­lisierung. Nach Aus­kunft der EFL sind bis zum heu­tigen Tag rund 280 Beratungs­stunden geleis­tet wor­den, die mit der Flut zu tun haben. Da­hinter ste­hen ca. 60 Klien­tinnen und Klien­ten. In den meis­ten Beratungs­ver­läufen stelle sich bereits nach wenigen Beratungs­kontak­ten eine Ver­besserung ein.

Hoffnungsvolle Blicke in die Zukunft

Die Flut­katastrophe hat nicht nur bei den Men­schen und in den Straßen ihre Spuren hinter­lassen. Auch im Stadt­leben von Leich­lingen hat sich etwas verän­dert. Die Räume des Pfarr­heims waren lange Zeit die ein­zigen „öffentlich“ nutz­baren Räume. Ein Arzt impfte hier gegen Corona. Gruppen und Organisa­tionen, die keine Ver­bindung zur Gemein­de hatten, trafen sich hier. Und auch die Familien­beratungs­stelle fand im Pfarr­heim eine Unter­kunft. Die evan­gelische Kirche und die Stadt­verwal­tung sind heute teil­weise immer noch sehr in Mit­leiden­schaft ge­zogen. „Wir wurden von der Stadt anders wahr­genommen“, sagen Pfarrer Eichinger und Pastoral­referentin Metzemacher. Das habe sich in diesem Jahr sehr positiv bei der Auf­nahme von Ge­flüchte­ten aus der Ukraine ge­zeigt.

Und auch das Gemeinde­leben hat sich verändert. Die Themen des Klima­schutzes seien vorher nicht so prä­sent ge­wesen, mei­nen Eichinger und Metzemacher. Nun sei eine „größere Sensibi­lisierung für Öko­logie fest­zustellen.“ So wurde zum Beispiel eine neue umweltvfreund­liche Heizung ange­schafft. Dass der Klima­wandel mehr zum Thema ge­worden ist, zei­gen auch die Über­legungen man­cher Leich­linger in einen höher­gelegenen Orts­teil zu ziehen. „Wir haben den Ein­druck, dass man­che skeptisch in die Zukunft blicken, denn eine Wieder­holung der Ereig­nisse ist durch den Klima­wandel nicht ausge­schlossen“, sagt Pfarrer Eichinger. Insge­samt über­wiege aber die Hoff­nung, dass sich solch eine Ka­tastrophe nicht so schnell wieder­holen werde. „Wir sind noch einmal davon­gekommen.“

Eindrücke vom 21. Juli 2021