Drei Fragen an Universitäts-Professorin Dipl. Ing. Annette Hillebrand

7. Dezember 2021 Newsdesk/lmi

Bis zum Jahr 2030 hat das Erzbistum Köln eine ambitionierte Vision: klimaneutral und schöpfungsfreundlich werden. Momentan aber machen die Erzeugung von Wärme und Stromverbrauch in den Gebäuden des Erzbistums Köln den Löwenanteil des CO2 -Ausstoßes der Diözese aus.

Deshalb müssen die Begriffe „Ressourcenschonendes Bauen“, „Urban Mining“ und „Sustainability“, die immer wieder in den Diskussionen über Klimaschutz auftauchen, radikal mit Leben gefüllt werden. Dafür haben die Universität Wuppertal, die Hochschule Trier und die beiden Abteilungen Bau im Seelsorgebereich und Schöpfungsverantwortung aus dem Generalvikariat allen Baufachleuten, Architekten und Fachingenieurinnen, die gemeindliche und erzbischöfliche Gebäude betreuen, eine Fortbildung angeboten.

Im Kurzinterview erklärt Univ. Prof. Dipl. Ing. Annette Hillebrand , wie umweltfreundliches Neu- und Umbauen von Gebäuden sowohl im kirchlichen als auch im privaten Bereich funktioniert und geht auf die Behauptung ein, dass nachhaltiges Bauen oft sehr kostspielig und deshalb schlecht umsetzbar sei.

Viele Kirchengemeinden, aber auch Privatpersonen besitzen alte Gebäude. Wie können diese nachhaltig und ressourcenschonend renoviert werden, um sie zukunftsweisend und klimagerecht zu ertüchtigen?

Hillebrand: Generell sollten beim Umbau, insbesondere aber beim Neubau, nachwachsende Rohstoffe verwendet werden, um den CO 2-Fußabdruck zu minimieren. Zusätzlich sollte beachtet werden, dass die eingesetzten Stoffe auch recyclingfähig sind, d.h. sortenrein, ohne Schadstoffe und auf gleicher Qualitätsstufe wieder- oder weiterverwendbar. Dazu zählen zum Beispiel Baustoffe, die, wenn sie nicht mehr benötigt werden, abgerissen und an einem anderen Gebäude wiederverwendet werden können. Dazu zählen z.B. Fassadenplatten aus Naturstein.

Mit welchen konkreten Maßnahmen können nachhaltige Anforderungen an den Neubau umgesetzt werden?

Hillebrand: Es sollte zum einen auf Ausgleichmaßnahmen gegen die Zerstörung von Boden, Wasser, Luft gesetzt werden, damit mehr Klimafreundlichkeit erreicht wird. Dies ermöglichen Dach- oder Fassadenbegrünungen, Wasserflächen oder Grauwassernutzung. Gleichzeitig sollte die Materialwahl so getroffen werden, dass die CO 2-Emissionen bei der Herstellung minimal sind oder zum Beispiel durch die Verwendung von Holz oder Holzprodukten (Spanplatten) sogar CO 2  über einen langen Zeitraum gespeichert und somit nicht sofort freigesetzt wird, wie bei der Verbrennung in der Pelletheizung oder einer Müllverbrennungsanlage.

Im Vergleich zur Umnutzung von Altbauten werden beim Neubau insgesamt aber deutlich mehr Ressourcen benötigt und es entstehen viel mehr CO 2-Emissionen. Dadurch sollte, wenn möglich, auf einen Neubau verzichtet werden. 

Nachhaltiges Bauen und Renovieren klingt sehr teuer. Stimmt das?

Hillebrand: Manche guten Entscheidungen kosten gar nichts. Dafür wird aber ein Bewusstsein benötigt. Ein Beispiel sind helle Hüllflächen anstatt dunkle Außenwände. Dadurch heizt sich  im Sommer die Gebäudeumgebung – das Mikroklima – nicht so stark auf, ggf. wird sogar weniger Energie zur Kühlung des Gebäudes benötigt. Auch durch Suffizienz (nachhaltige Begrenzung des Bedarfes) können Kosten reduziert werden und somit die Nachhaltigkeit gestärkt werden, z.B. durch das Weglassen von Putz, Beschichtungen oder Holzlackierungen. Das muss frühzeitig beim Bau oder Umbau berücksichtigt werden. Dazu gehört dann allerdings auch eine andere Vorstellung von Ästhetik: weg vom immer cleanen, frisch nachzustreichenden weiß hin zu einer robusten Materialität, bei der Gebrauchsspuren zu einer „geschichtenerzählenden" Patina werden.

Über die nach DIN-Norm anzunehmenden 50 Jahre Lebensdauer eines Gebäudes zeigen unsere Kalkulationen sogar, dass nachhaltiges Bauen deutlich günstiger ist. Oft sind die Investitionskosten für nachhaltige Lösungen (z.B. Holzmassivbau mit Klinkerfassade) im Vergleich zu Standard-Maßnahmen (mineralisch, Wärmeverbund-Dämmsystem) höher, die Instandhaltungs-, Abriss- und Entsorgungskosten sind dafür aber deutlich günstiger, auch aufgrund von Verwertungserlösen für werthaltige Materialien am sogenannten End of Life der Immobile.

 

Univ. Prof. Dipl. Ing. Annette Hillebrand ist Architektin und Professorin für Baukonstruktion, Entwurf und Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal.