In einem alten Jesuiteninternat in Bonn sind mehr als 200 Geflüchtete aus der Ukraine untergekommen. Verantwortlich dafür: Hausmeister Igor Guseev und seine Frau Natalia. Als Helden sehen sich die Russlanddeutschen nicht.

23. Dezember 2022 KNA/Clara Engelien
Natalia, Ehefrau, und Igor Guseev, Hausmeister am Gymnasium Aloisiuskolleg in Bonn, am 6. Dezember 2022.

Bonn. Igor Guseev sitzt in der menschen­leeren Mensa seiner Schule. Hier in Bonn, wo er als Haus­meister ar­beitet, wan­dern seine Ge­danken zurück zu jenem 24. Februar, als Russ­land die Ukraine über­fiel. "Das Leben von ges­tern ist vorbei", dachte der 47-jährige Russ­land­deutsche damals. Auch für ihn per­sön­lich hat sich seit­dem viel verändert.

Denn wenige Tage später bekam er einen Anruf. Es meldete sich ein Freund, der aus der Ukra­ine stammt und in Köln wohnt. "Igor, hast du die Nach­richten ge­sehen?", habe dieser gefragt. "Es sind zwei Busse voll mit Men­schen unter­wegs, die nicht wissen, wo sie hin­sollen. Kannst du jemanden aufnehmen?"

Igor Guseev – ein eher zurück­haltender Mann in Hand­werker­montur, mit rahmen­loser Brille und ernstem Blick – spricht leise, wenn er von diesen Tagen erzählt. Aber ein­dring­lich. Er habe erstmal nach­denken müssen. Der gelernte Indus­trie­elekt­riker und seine Frau Natalia – im Jahr 2000 als Nach­fahren deutscher Spät­aus­siedler aus dem russischen Sibirien nach Deutsch­land einge­wandert – haben selbst acht Kinder. Da ist es nicht leicht, noch jemanden zusätz­lich aufzunehmen.

In den Tagen darauf häuften sich die Anfragen. Da kam dem Haus­meister des Aloisius­kollegs, einer von drei Jesuiten­schulen in Deutschland, eine Idee: Wie wäre es, all die leer­stehenden Zimmer des aufge­gebenen Inte­rnats der Schule zu nutzen? Er kontaktierte seinen Chef, Geschäfts­führer Wolfgang Netters­heim, und den Rek­tor des Kollegs, Pater Martin Löwen­stein. Sie sind die­jenigen, die über eine Auf­nahme zu ent­scheiden haben. "Sie sollen alle her­kommen", gab Netters­heim grünes Licht. Schon etwa drei Stunden später kamen die ersten zwei Busse an, vor allem Mütter mit Kindern. Überwiegend gehörten sie der Baptisten­gemeinde in Tschornomorsk nahe Odessa an. Auch Igor und Natalia Guseev sind Baptisten.

In den Folgetagen meldeten sich unab­lässig Men­schen bei dem Haus­meister, die aus ver­schiedenen Landes­teilen der Ukraine flohen. Seine Telefon­nummer hat inzwischen die Runde gemacht. Jeden Tag habe Guseev seinen Chef gefragt: "Wie sieht's aus, können noch 60 mehr kommen? Noch 20 mehr?" Vier Wochen lang seien täglich Men­schen angekommen, tags wie nachts – bis das Internats­gebäude mit seinen 180 Plätzen voll war. Als einziger, der am Kolleg Russisch und Ukrai­nisch versteht, legte sich der Haus­meister prompt eine Matratze in sein Büro – je­mand habe die Frauen, Männer und Kinder ja in Empfang nehmen müssen, sagt er. Auch Geschäfts­führer Netters­heim und Ver­waltungs­chefin Daniela Ulbrich seien oft nachts ge­kommen, um mit anzupacken.

Die ersten sechs Monate seien intensiv gewesen. Über­fordernd, manchmal. Aber oft auch lustig und interessant. Seine Frau korri­giert: "Manche Momente waren lustig, aber ins­gesamt war's nicht lustig." Um alles zu organi­sieren, hockten sie mal eine, mal drei Stunden täg­lich in einem kleinen Team zusammen – teils auch mit den Ukrainern, um zu erfahren, was die Familien brauchen.

"Ab und zu wusste ich nicht mehr genau, wie mein Beruf heißt", meint Igor Guseev amüsiert. Seit über einem halben Jahr kümmert er sich nicht nur um das Areal, er ist auch Kranken­betreuer, Über­setzer, Sozial­arbeiter, sogar Arzt­helfer. Bei einer ukrai­nischen Ärztin sei er als "Azubi" mitgelaufen, habe von ihr gelernt, um danach selber Menschen verarzten zu können.

Klar trennen lassen sich seine Rollen kaum. Wenn Guseev als Haus­meister die Zimmer der Men­schen betritt, um etwa ein Fen­ster zu reparieren, kommt es häufiger vor, dass diese gerade im Fern­sehen das Kriegs­ge­schehen verfolgen. Dann hört er schon mal Sätze wie diesen: "Guck mal, Igor, meine Schule wurde von einer Bombe getroffen und zerstört." Natür­lich gehe das nicht an ihm vorbei, dann sei er für sie da.

Auch Natalia Guseev hat sich von Beginn an eingebracht: Sie begleitete Menschen zum Arzt, zum Jobcenter, half ihnen mit Formularen - unbezahlt. Auch ihr ältester Sohn Ilia habe geholfen, erzählt sie stolz. Er studiert Sozial­pädagogik. Ein Familien­unternehmen, sozusagen? Sie lacht. In­zwischen ist die 46-Jährige offiziell als Sozial­arbeiterin angestellt.

Einmal im Monat organisiert sie ein Frauen­treffen, bei dem geredet, Tee getrunken, die Bibel ge­lesen und gebetet wird. Egal ob die Teil­nehmerinnen evangelisch, russisch-orthodox oder atheistisch sind, alle sind willkommen.

Ihr russischer Hinter­grund spiele zwischen ihnen und den ukrai­nischen Geflüch­teten keine Rolle. Ohne­hin ist dem Ehepaar nach Jahr­zehnten in Deutsch­land ihre frühere Heimat fremd ge­worden. Die letzten Besuche empfan­den sie wie einen Kultur­schock. "Probleme haben wir eher mit russischen Bekannten, die den Krieg unter­stützen", sagt Igor Guseev: "In ihren Augen sind wir Verräter."

Die Frage nach ihrer Motivation zu helfen macht die beiden stutzig. "Wir sind Christen, wir helfen den Leuten gerne. Nur unsere Familie und das war's, wir hören nix und wir wissen nix – das geht nicht", sagt Natalia Guseev.

Besonders helden­haft finde er das nicht, betont ihr Mann. "Das waren doch nur ein paar Wochen, die ich im Büro ge­schlafen habe", wiegelt er ab. Einen Brief über­setzen, das dauere fünf Minuten. "Du lebst und lebst und lebst, gestern ist wie heute – und plötz­lich kannst du etwas tun." Respekt verdienen in seinen Augen die Ukrainer. "Die waren unter Bomben, die haben unter riesiger Ge­fahr ihre Kinder rausgeholt. Wir sind keine Helden. Unser Haus steht ja."

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