Tür
Tür
Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich: "Ich bin die Tür, wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden." (Joh 10, 9) Damit verbindet er gleich zwei Selbstaussagen, nämlich: "Ich bin der gute Hirt" (Joh 10,11), der seine Schafe kennt und sein Leben für sie gibt und: "Ich bin die Tür." Bekanntlich sammelten die Hirten in der Antike abends ihre Schafe in einem Gehege. Meist war es eine von Steinen eingefasste provisorische Absperrung, die keine Tür, sondern lediglich einen engen Eingang hatte. Legte sich der Hirte in diesen Durchlass, wurde er so buchstäblich zur Tür. Kein Schaf konnte nach draußen und kein Wolf, Dieb oder Mörder nach drinnen gelangen, während der Hirte diesen schmalen Weg versperrte und über seine Herde wachte.
Mit Blick auf das Lebensende markiert die Tür den Übergang vom Leben zum Tod, vom Diesseits zum Jenseits, vom Gewohnten ins Unbekannte. Der Tod wird dabei als "Hindurchgehen durch eine Tür" verstanden – etwas endet, etwas anderes beginnt, bleibt aber geheimnisvoll verborgen. Eine geschlossene oder sich schließende Tür symbolisiert den endgültigen Verlust und Abschied von einem Verstorbenen, das Gefühl, dass jemand nicht mehr zugänglich, nicht mehr erreichbar ist, und die Trennung zwischen den Lebenden und den Toten. Gleichzeitig grenzt sie den Rückzug der Trauernden in eine Art privaten Schutzraum ab. Eine offene Tür dagegen ist positiv besetzt und kann auf der emotionalen Ebene die Erinnerung an den Verstorbenen und die innere Verbindung zu ihm widerspiegeln.
Christlich gedeutet steht die Tür für die Schwelle zum ewigen Leben. Und Christus ist diese Tür zu einem Leben, das ewige Gemeinschaft mit Jesus Christus verheißt, in der sich alles irdische Leid, alle Schwere und Sorge, alle Trauer auflösen, die Schafe "Weide finden" – um im Bild Jesu zu bleiben. Er ist die Tür, auf die es ankommt. Bei ihm stehen wir nicht vor verschlossenen Türen, bleiben wir nicht ausgesperrt "draußen vor der Tür", wie es der Schriftsteller Wolfgang Borchert in seinem gleichnamigen Roman der Nachkriegszeit formulierte. Mit seinem Bildwort von der Tür weist uns Jesus auf seinen Tod und seine Auferstehung hin, indem er sagt, dass er nicht "irgendeine Tür" ist; die einzige Tür nämlich, durch die wir eintreten und erlöst werden können. Denn nur durch Jesus Christus empfangen wir das ewige Leben. Es gibt keine andere Tür zur Errettung – zum ewigen Leben – als durch ihn. Durch diese Tür können wir gehen, um für immer das Leben zu haben – auch im Tod. Er ist die lebendige Verbindungstür zwischen den Räumen des Himmels und der Erde, des Oben und des Unten, der Zeit und der Ewigkeit. Er sprengt versiegelte Tore und blockierte Herzen, und so wird der Auferstandene selbst die Eingangspforte zum Leben.

Dr. Eva-Maria Will

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