Weinstock
Weinstock
Wein-Seligkeit besingen schon antike Poeten. Denn auch die Römer und Griechen kannten Wein längst als Genussmittel. Auch im Alten Testament spricht der Prophet Jeremia bereits von einem Weinstock, den Gott gepflanzt hat und der für das Volk Israel steht. Doch der Weinstock bringt keine Frucht (Jer 2,21). Auf diesen Vergleich Israels mit einem Weinstock bezieht sich Jesus, wenn er in den sogenannten Abschiedsreden des Johannesevangeliums zu seinen Jüngern sagt: "Ich bin der Weinstock. Ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5).
Winzer wissen, wie aufwendig sich die Sorge um einen Weinberg und jeden einzelnen Rebstock gestaltet und wie wichtig die Pflege der Reben für die Güte der Trauben und damit für die Qualität des Weines ist. Auf jede einzelne Traube kommt es an, wenn ein wohlschmeckender Wein daraus werden soll. Entscheidend aber ist vor allem der knorrige Weinstock, der die Reben trägt, an denen die Trauben reifen. Denn ohne Wurzeln tief in der Erde gibt es keine Triebe – und damit kein Leben; ohne Zweige keine Früchte – und damit keine Ernte. Alles hängt miteinander zusammen. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Die Reben sind auf die Lebenskraft aus dem Weinstock angewiesen. Anders gesagt: Hier geht es um das Bild einer engen Gemeinschaft. Nur wer mit Jesus Christus verbunden bleibt, kann leben und Frucht bringen. Das Bindeglied dieser in der Taufe begründeten Einheit ist der Glaube, der in der Liebe zum Ausdruck kommt. Aus dem Wurzelstock erwächst Neues – aber eben nur, wenn den Reben aus dem Weinstock neue Lebenskräfte zuströmen. Abgeschnitten vom Weinstock, verdorren sie in kurzer Zeit.
Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern. Aber er macht ihnen mit diesem Bild dennoch Hoffnung auf ein Wiedersehen. Wie eine Verheißung hört sich an, was er zu denen sagt, die ihm nachfolgen: "Ihr, die ihr bei mir bleibt, ihr schöpft neue Lebenskräfte und bringt Frucht." Er meint: Wer an mich glaubt, kann – trotz Abschieds – einen Neuanfangs erleben und in Fülle leben. Über den Tod hinaus bleiben wir miteinander verwachsen.
Als Christen zehren wir von der Hoffnung, dass wir bei Gott alle unsere Verstorbenen wiedersehen, die wir im irdischen Leben so schmerzlich vermissen und die uns im Tod nur vorausgegangen sind. Der Weinstock ist ein Sinnbild für die untrennbare Verbundenheit von uns Lebenden mit unseren Toten. Die Liebe bleibt – auch über den Tod hinaus!

Dr. Eva-Maria Will

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