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Spiritualität im Alter

Lebens- und Glaubensspuren wahrnehmen – im Heute verwurzelt sein und offen bleiben für das, was noch werden will.

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Was trägt mich, wenn sich mein Leben verändert? Was bleibt wesentlich? Was kann ich loslassen – und worauf darf ich hoffen?

Das Älterwerden bringt diese und weitere Fragen mit sich. Manche Veränderungen wählen wir selbst, andere begegnen uns auf unserem Weg und lassen sich nur wenig beeinflussen. Die eigenen Kräfte verändern sich, Abschiede werden im Alltag häufiger, vertraute Aufgaben fallen weg, Beziehungen wandeln sich. Manchmal werden Krankheit, Abhängigkeit oder Einsamkeit zu Erfahrungen, denen wir begegnen müssen.

Vieles davon lässt sich nicht schönreden. Es geht vielmehr darum, anzunehmen, was ist, Grenzen auszuloten und auszuhalten, loszulassen und darin zu wachsen. Zugleich dürfen wir flexibel und neugierig bleiben, neue Möglichkeiten entdecken und uns für das öffnen, was über unsere bisherigen Vorstellungen hinausweist.

So betrachtet kann der Weg ins Alter und Hohe Alter eine Zeit des Reifens, der Vertiefung und der neuen Orientierung sein. Beziehungen können eine andere Bedeutung gewinnen, Erfahrungen sich zu Weisheit verdichten und vertraute Glaubensfragen noch einmal neu ins Leben treten und uns herausfordern.

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Spiritualität im Alter bedeutet, dem eigenen Leben und Glauben auf die Spur zu kommen – anzunehmen, was ist, loszulassen, was nicht mehr in unserer Hand liegt, und in innerer Freiheit offen zu bleiben für das, was noch werden will.

Wie kann dies gelingen?

Vielleicht gibt es darauf keine einfache oder allgemeingültige Antwort. Vielleicht können wir uns einer Antwort in 3 inneren Bewegungen annähern:

  • Auf die Spur kommen
    Lebens- und Glaubensspuren wahrnehmen.
  • Im Heute ankommen
    das Gegenwärtige bewusst annehmen.
  • Offen bleiben
    sich für das öffnen, was noch werden will.

Diese drei Bewegungen gehören zusammen. Sie laden dazu ein, zurückzuschauen und Zusammenhänge zu entdecken, das gegenwärtige Leben aufmerksam wahrzunehmen und loszulassen, was nicht mehr in unserer Hand liegt. Zugleich ermutigen sie uns, uns immer wieder für das Leben und für Gottes Wirken zu öffnen.

Notiz

Vielleicht möchten Sie diese Schritte einmal für sich selbst erkunden:

Ein Notizheft für Ihren persönlichen Weg

Legen Sie sich dafür ein Notizheft mit vielen freien Seiten an. Es kann zu einem persönlichen Wegbegleiter werden – zu einem Ort für Gedanken, Erinnerungen, Fragen, Gebete und Entdeckungen.

Sie können schreiben, malen, eine Lebenslinie zeichnen, Farben wählen oder kleine Dinge hineinlegen, die Ihnen etwas bedeuten. Vielleicht halten Sie einen einzelnen Satz fest, skizzieren ein Bild oder notieren nur ein Wort.

Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch. Sie müssen nicht alle Fragen beantworten und keine Aufgaben vollständig bearbeiten. Lassen Sie entstehen, was entstehen möchte. Manches wird vielleicht erst mit der Zeit verständlich. Anderes darf offenbleiben. Und all das können Sie mit in Ihre Begegnung mit Gott bringen, wie in ein Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin. 

Dieses Heft gehört Ihnen. Es ist ein Ort für das, was Sie bewegt, was Sie trägt und was noch werden will.

Im Folgenden finden Sie einige Anregungen, die Seiten Ihres Lebens zu verkosten und aufzuschreiben und Ihre Vision über ein Weiter und Danach zu entdecken.

Eine komprimierte Form in einem Einlegeheft zu diesen Anregungen können Sie bei uns bestellen. Gerne vermitteln wir Ihnen auch eine Geistliche Begleitung, mit der Sie diesen Weg in Einzelgesprächen nachgehen und vertiefen können.

Spiritualität im Alter | Die drei inneren Bewegungen

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Jeder Mensch trägt eine einzigartige Lebens- und Glaubensgeschichte in sich. Im Rückblick können Lebensfäden sichtbar werden: Menschen, die uns geprägt haben, Entscheidungen und Wendepunkte, glückliche Erfahrungen und schmerzhafte Zeiten. Vielleicht werden dabei auch Glaubensspuren erkennbar: Worte der Bibel, die uns begleitet haben, Menschen, durch die uns etwas von Gott begegnet ist, Erfahrungen, in denen wir uns getragen fühlten, ebenso wie Zeiten des Zweifelns und der Gottesferne.

Ein solcher Rückblick braucht nichts zu beschönigen. Zur eigenen Lebensgeschichte gehören Gelungenes und Unvollendetes, Schuld und Versöhnung, Dankbarkeit und offene Fragen. Manches verstehen wir vielleicht erst im Abstand vieler Jahre. Andere Erfahrungen bleiben rätselhaft. Das eigene Leben anzuschauen und anzunehmen, kann selbst zu einem geistlichen Weg werden.

Der Theologe Heinz Rüegger beschreibt die Rückschau im Alter und hohen Alter als eine Möglichkeit, das eigene Leben neu zu deuten und darin Zusammenhänge und Sinnspuren zu entdecken. Spiritualität kann dabei helfen, die eigene Geschichte nicht nur als Abfolge von Ereignissen zu betrachten, sondern nach dem zu fragen, was sie im Innersten getragen und zusammengehalten hat.

Auch die christliche Mystik kennt diesen Weg nach innen seit Jahrhunderten. Teresa von Ávila, Johannes vom Kreuz, Meister Eckhart, Ignatius von Loyola und Edith Stein beschreiben beispielsweise auf unterschiedliche Weise einen Weg, auf dem der Mensch tiefer zu sich selbst und zugleich tiefer in die Beziehung zu Gott findet.

Notiz

Für Ihre persönliche Spurensuche

Nehmen Sie Ihr Notizheft zur Hand. Zeichnen Sie Ihre Lebensfäden oder Ihren Lebensfluss, zunächst ganz ohne Bewertung. Markieren Sie wichtige Stationen mit Worten, Farben oder kleinen Bildern. Vielleicht erstellen Sie auch eine kleine Kollage, indem Sie Bilder aus Zeitschriften oder Kalendern nutzen. 

Sie können Namen, Symbole, Farben oder kleine Bilder verwenden. Vielleicht möchten Sie schöne und schwere Erfahrungen unterschiedlich kennzeichnen. Vielleicht ergibt sich Ihre ganz eigene Form.

Lassen Sie sich von folgenden Fragen begleiten:

  • Was hat mich geprägt und was hat mich getragen?
  • Wer oder was hat mich geprägt?
  • Welche Menschen haben mir etwas fürs Leben mitgegeben?
  • Wo habe ich mich getragen gefühlt?
  • Welche Erfahrungen haben meinen Glauben verändert?
  • Wo war Gott für mich – und wo habe ich ihn vermisst?

Tipp: Sie brauchen nicht alles aufschreiben. Vielleicht genügt zunächst ein Name, ein Wort, eine Farbe oder ein Bild. Manchmal wird erst im Rückblick sichtbar, was uns getragen hat.

Spiritualität Spiritualität

Spiritualität lädt dazu ein, wahrzunehmen, was jetzt ist – mit all seinen Möglichkeiten und Begrenzungen.

Das Älterwerden verändert uns und unser Umfeld. Menschen, die uns nahestehen, werden weniger oder brauchen selbst Unterstützung. Gewohnte Aufgaben fallen weg. Orte und Nachbarschaften verändern sich, Vertrautes verschwindet. Einsamkeit kann stärker spürbar werden. Manches lässt sich nicht mehr selbst bestimmen.

Unser Glaube muss diese Erfahrungen nicht erklären oder gar rechtfertigen. Klage, Trauer, Wut und Zweifel dürfen ihren Platz haben. Es braucht Raum für das, was schmerzt, und Zeit, um sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig kann der Blick für das Kleine und Gegenwärtige wachsen: ein vertrautes Gesicht, ein gutes Gespräch, Musik, ein Spaziergang, ein Gottesdienst, ein Gebet oder ein Moment der Stille.

Der Benediktinermönch und spirituelle Lehrer David Steindl-Rast lädt dazu ein, dem Augenblick aufmerksam zu begegnen und Dankbarkeit zu entdecken. Dankbarkeit bedeutet dabei nicht, alles gutzuheißen. Sie kann helfen, das Gute im gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen, ohne das Schwere schönreden zu müssen.

Vielleicht geht es darum, das Leben nicht ständig mit dem zu vergleichen, was einmal war oder künftig sein sollte. Vielleicht darf das Heute für einen Moment einfach da sein.

Notiz

Eine kleine Übung für heute – dem gegenwärtigen Augenblick begegnen

Halten Sie einen Augenblick mit einem Wort, einer Farbe oder einer kleinen Skizze fest. Diese Übung können Sie ab nun kontinuierlich, vielleicht am Abend nach einer kurzen Tagesrückschau in Ihre Routine mit aufnehmen.

Der Hl. Ignatius von Loyola hat mit dem Gebet der Liebenden Aufmerksamkeit eine einfache tägliche Routine entwickelt, eine Tagesrückschau im Gebet zu halten. Eine Anleitung finden Sie hier: Link

Nehmen Sie sich zunächst ein wenig Zeit.
Werden Sie still und schauen Sie sich um.

  • Was ist jetzt – und was berührt mich?
  • Was sehe, höre und spüre ich?
  • Was berührt mich in diesem Augenblick?
  • Was möchte ich wahrnehmen, ohne es gleich verändern zu müssen?

Versuchen Sie, das Wahrgenommene nicht sofort zu bewerten oder verändern zu wollen. Nehmen Sie es einfach wahr. Vielleicht entdecken Sie etwas, das Ihnen bisher entgangen ist. Vielleicht taucht eine Erinnerung auf. Vielleicht ist da zunächst nur Unruhe oder Leere. Auch das darf sein.

Halten Sie einen kleinen Augenblick in Ihrem Notizheft fest. Schreiben Sie ein Wort, zeichnen Sie eine Form oder wählen Sie eine Farbe, die zu diesem Moment passt. Und dann wenden Sie sich nach innen.

Die heilige Teresa von Ávila beschreibt die menschliche Seele als eine innere Burg mit vielen Räumen. Im Innersten dieser Burg ist Gott gegenwärtig. Der Weg nach innen ist für sie deshalb auch ein Weg zu Gott.

Vielleicht gehen Sie für einen Augenblick in diesen inneren Raum.

  • Was begegnet Ihnen dort?
  • Ein Gedanke?
  • Eine Erinnerung?
  • Eine Sehnsucht?
  • Dankbarkeit?
  • Vielleicht auch etwas Schweres?

Sie müssen nichts verändern und keine besondere Erfahrung machen. Bleiben Sie einfach aufmerksam bei dem, was sich zeigt.

Wenn Sie möchten, schreiben oder malen Sie anschließend etwas davon in Ihr Heft. Vielleicht lassen Sie auch nur eine Frage stehen.

Im Innersten muss nicht alles geklärt sein. Manches darf sich zeigen, ohne dass wir es gleich verstehen.

Februar am Rhein Februar am Rhein

Vielleicht ist dies eine der hoffnungsvollsten Perspektiven: Bis ins hohe Alter bleibt der Mensch ein werdender Mensch.

Das Leben bleibt lebendig, auch wenn manches nicht mehr möglich ist. Beziehungen können sich vertiefen, neue Fragen entstehen, Versöhnung kann wachsen. Vielleicht eröffnet sich ein neuer Zugang zum Glauben. Vielleicht zeigt sich eine andere Form von Berufung – weniger im Tun, mehr im Dasein, Zuhören, Erzählen oder Weitergeben.

Der Theologe Leo Karrer spricht vom Glauben, der reift. Zum Reifen gehören auch die Fähigkeit, Erfahrungen anzunehmen, Grenzen auszuhalten, loszulassen und eine neue Freiheit zu gewinnen. Dazu passt die ignatianische Haltung der Indifferenz. Sie meint keine Gleichgültigkeit, sondern eine innere Freiheit gegenüber dem, was nicht mehr in unserer Hand liegt. Nicht alles muss festgehalten, kontrolliert oder nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden.

Vielleicht kann daraus eine Haltung wachsen, die sagt:

  • Ich muss nicht alles festhalten.
  • Ich darf mich dem anvertrauen, was kommt.
  • Ich darf mich mit allem, was geworden ist, in Gottes Hände legen.

Der christliche Glaube öffnet den Blick über das Sichtbare hinaus. Hoffnung bedeutet nicht, dass uns alles erspart bleibt. Sie bedeutet, darauf zu vertrauen, dass unser Leben auch dort von Gott gehalten ist, wo wir uns selbst nicht mehr tragen können.

Alte Menschen – Grenzgänger der Transzendenz

Der Aachener Bischof Klaus Hemmerle hat alte Menschen als „Grenzgänger der Transzendenz“ bezeichnet. Sein gleichnamiger Beitrag erschien 1977 unter dem Titel „Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral“. Damit meinte Hemmerle mehr als die Nähe zum Tod. Das Alter führt Menschen in besonderer Weise an Grenzen: an die Grenzen von Gesundheit und Selbstständigkeit, von Leistung und Machbarkeit, schließlich an die Grenze des Lebens.

In dieser Haltung kann eine Frage deutlicher hervortreten:

Was trägt, wenn das, was ich leisten und selbst bestimmen kann, weniger wird?
Hemmerle sieht darin nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine besondere geistliche Bedeutung. Wenn Leistung und Funktionieren nicht mehr alles bestimmen, kann die Frage nach dem Sinn des Ganzen neu in den Blick kommen.

So werden wir im Alter und Hohen Alter nicht nur zu Menschen, die Begleitung brauchen. Wir können auch Menschen bleiben, von denen andere weiterhin lernen können. Unsere Erfahrungen, unsere Fragen und unsere Sicht auf das Leben können für andere Generationen bedeutsam sein.

Notiz

Was möchte noch werden?

Beginnen Sie einen Satz mit „Vielleicht möchte in meinem Leben noch …“ 

Vielleicht schreiben Sie einen Gedanken auf, den Sie früher selbst gern gehört hätten. Vielleicht malen Sie ein Symbol für etwas, das Ihnen im Leben wesentlich geworden ist.

Hier braucht es keine großen Ideen und Vorhaben, das Kleine, Genügsame zählt. Vielleicht kann das Buch „Momo“ von Michael Ende dazu eine Anregung bieten. Den Abschnitt zu „Beppo, dem Straßenkehrer“ der den Leitgedanken „Besenstrich für Besenstrich“ geprägt hat. Den Textauszug finden Sie hier: Link

  • Was möchte in meinem Leben noch wachsen?
  • Welche Beziehung möchte ich vertiefen?
  • Was möchte ich weitergeben?
  • Was darf ich loslassen, damit etwas anderes Raum bekommt?
  • Wofür möchte ich mich Gott gegenüber öffnen?

Den letzten Weg bedenken

moewen

Zum Reifen und Offenbleiben gehört auch, den eigenen Lebensweg bis an sein Ende in den Blick zu nehmen.

Wie möchte ich meinen Weg auf das Lebensende hin gehen? Was ist mir für diese letzte Lebensphase wichtig? Was möchte ich noch klären, versöhnen, loslassen oder weitergeben? Das Nachdenken über die eigene Endlichkeit ist vielleicht ungeübt und ungewohnt, muss jedoch deswegen nicht bedrücken. Es kann helfen, bewusster zu leben und das Wesentliche neu zu entdecken. Vielleicht wird dabei deutlicher, welche Beziehungen uns wichtig sind, was noch ausgesprochen werden möchte und was wir nicht länger festhalten müssen.

Der christliche Glaube fragt deshalb nicht nur: Wie möchte ich sterben? Sondern auch: Worauf hoffe ich, wenn mein irdischer Weg zu Ende geht? Was bedeutet für mich Auferstehung? Was heißt es, mich am Ende meines Lebens ganz Gott anzuvertrauen?

Vielleicht muss darauf nicht sofort eine Antwort gefunden werden.

Vielleicht darf zunächst die Frage Raum bekommen: Wie stelle ich mir meinen Weg vor – bis an die Grenze dieses Lebens und darüber hinaus?

Notiz

Eine persönliche Annäherung

Nehmen Sie sich Zeit für diese Fragen. Sie müssen nicht alle auf einmal beantworten.

  • Was wünsche ich mir für meine letzte Lebensphase?
  • Was möchte ich noch leben, erfahren oder weitergeben?
  • Was möchte ich vielleicht noch klären oder versöhnen?
  • Was möchte ich in Gottes Hände legen?
  • Was bedeutet für mich die Hoffnung auf ein Leben bei Gott?
  • Was hilft mir, dem Ende meines Lebens mit Vertrauen entgegenzugehen?

Vielleicht schreiben Sie einen Satz in Ihr Notizheft und lassen ihn eine Weile stehen:

Wenn ich meinen letzten Weg in Gottes Hände lege, dann…

Gestalten Sie eine Kollage, ein Visionboard oder ein Mindmap zu diesen Fragen. Stichworte, Bilder, innerer Resonanzen, Gebete, Lieder reichen zuunächst.

Bringen Sie diese Gedanken mit Ihrer Familie oder Ihren Freunden ins Gespräch.

Thema Sterbebegleitung und Vorsorge
Zum Leben gehört der Tod. Können wir das Sterben lernen und uns selbst darauf vorbereiten?

Spiritualität

Ein Leben lang unterwegs

Spiritualität im Alter gehört selbstverständlich zum ganzen Lebensweg. Sie fragt danach, was trägt, was verwandelt, was losgelassen werden kann und worauf wir hoffen dürfen.

Sie verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft:

Was war? – Was ist? – Was wird?

Vielleicht ist Spiritualität im Alter deshalb weniger eine fertige Antwort als eine Haltung: aufmerksam bleiben, sich berühren lassen, annehmen und loslassen, vertrauen und hoffen.

Es geht nicht darum, das Leben nachträglich in eine stimmige Geschichte verwandeln zu müssen. Es geht darum, die eigene Geschichte mit ihren Brüchen und Schönheiten anzuschauen und ihr Raum zu geben – auch dort, wo Fragen offenbleiben.

Und vielleicht ist der eigene Lebensweg selbst ein Ort, an dem der dreifaltige Gott uns immer begegnet, in jeder Lebensphase: Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist.

Ein besonderer Impuls: 

Was wäre, wenn Jesus 90 Jahre alt geworden wäre?

Begegne dem gealterten Jesus in einem Gespräch, wie einem Freund. 

Der Schweizer Theologe und Dichter Kurt Marti stellt eine ungewöhnliche Frage:

„In welche Richtung hätte sich das Denken und Lehren des Nazareners verändert, wenn er 90 Jahre alt geworden wäre?“

  • Was meinen Sie?
  • Wie sähe Jesus aus, wenn er ein langes Leben gelebt hätte?
  • Was hätte er erfahren?
  • Was hätte ihn geprägt?
  • Was hätte er loslassen müssen?
  • Was hätte er gelernt?

Und vor allem: Was würde sich dadurch an Ihrem eigenen Blick auf das Alter verändern?

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Eine Meditation – Jesus auf dem Weg begegnen

Laden Sie in Gedanken Jesus zu sich ein. Nehmen Sie sich, wenn möglich, etwa zehn Minuten Zeit. Vielleicht möchten Sie die Augen schließen und ein paar bewusste Atemzüge nehmen.

Stellen Sie sich einen Weg am Wasser vor. Das Licht des Morgens liegt in warmen Farben über dem See oder dem Meer. Vögel sind zu hören, die Wellen bewegen sich sanft, ein leichter Wind berührt Ihr Gesicht. Sie gehen ein Stück des Weges am Ufer entlang. Dann bemerken Sie, dass jemand zu Ihnen kommt. Ein älterer Mann. Sein Gesicht erzählt von einem langen Leben. Seine Hände lassen ahnen, was sie gearbeitet, gehalten und getragen haben. Vielleicht ist sein Schritt langsamer geworden.

In diesem Gesicht liegen Freude und Verlust, Aufbruch und Abschied, Stärke und Verletzlichkeit. Sie betrachten ihn aufmerksam. Dann erkennen Sie an seinen Händen die Zeichen Jesu. Bleiben Sie einen Moment bei dieser Begegnung. Was nehmen Sie wahr? Welche Gedanken kommen Ihnen? Vielleicht Gedanken, die schon lange in Ihnen wohnen und nun deutlicher werden.

Kommen Sie mit Jesus in den Dialog. Sie können ihm Ihr Leben darbringen: das, was Ihnen nahe ist, ebenso wie das, was Ihnen fremd geblieben ist und was Sie nicht verstehen. Erzählen Sie ihm von dem, was Sie trägt, von dem, was schmerzt, und von dem, worauf Sie hoffen. Was würden Sie diesen alten Jesus fragen? Was würden Sie ihm von Ihrem eigenen Leben erzählen?

Achten Sie aufmerksam auf das, was sich in Ihnen regt. Sie müssen keine Antwort hören und nichts Bestimmtes erleben. Vielleicht ist es ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Gefühl oder einfach die Erfahrung, mit dem eigenen Leben da sein zu dürfen.

Wenn Sie möchten, nehmen Sie sich anschließend Ihr Notizheft zur Hand. Halten Sie fest, was Sie aus dieser Begegnung mitnehmen möchten – als Wort, Bild, Farbe oder Gebet.

Vielleicht beginnt es mit einer einzigen Frage

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit. Öffnen Sie Ihr Notizheft und lassen Sie die Frage auf sich wirken: Was trägt mich?

Schreiben Sie spontan auf, was kommt. Ohne zu ordnen. Ohne zu bewerten. Sie können auch zeichnen oder einfach still werden. Vielleicht beginnt damit bereits ein kleiner neuer Weg, eröffnen sich neue Perspektiven.

Herbstmorgen Nebel Herbstmorgen Nebel

Was bedeutet eigentlich christliche Spiritualität?

Christliche Spiritualität bedeutet, das eigene Leben als einen Weg mit Gott zu entdecken. Sie lädt uns ein, aufmerksam zu werden für das, was uns im Innersten berührt, was uns trägt und worauf wir hoffen. Sie hilft uns, das Leben mit seinen schönen und schweren Seiten anzunehmen, nach seinem tieferen Sinn zu fragen und offen zu bleiben für das, was über uns selbst hinausgeht, indem wir die Beziehung mit Gott lebendig halten.

Im christlichen Glauben hat diese Suche eine besondere Ausrichtung: Jesus Christus. In seinem Leben, seinen Begegnungen und seiner Zuwendung zu den Menschen erfahren wir, wie Gott uns entgegenkommt. 

Spiritualität zeigt sich nicht nur im Gebet, im Gottesdienst oder in besonderen religiösen Erfahrungen. Sie wächst auch mitten im Alltag: wenn wir einem Menschen wirklich begegnen, indem wir uns begegnen – mit allem was gut läuft und allem, was uns herausfordert.  Zum spirituellen Weg gehört das Schwierige ganz natürlich dazu. Klage, Zweifel, Trauer und offene Fragen dürfen ihren Platz haben. Christliche Spiritualität bedeutet nicht, alles verstehen oder gutheißen zu müssen. Sie lädt vielmehr dazu ein, das eigene Leben mit allem, was zu ihm gehört, vor Gott, vor Jesus zu bringen.

Der Benediktinermönch David Steindl-Rast ermutigt dazu, dem Augenblick aufmerksam zu begegnen und Dankbarkeit zu entdecken. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber lenkt unseren Blick auf die Bedeutung wirklicher Begegnung vom Menschen zu Menschen. Der Mensch wird nicht nur betrachtet oder beurteilt, sondern in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen und gesehen. Die Beziehung zu Gott lässt sich ebenso als eine solche Begegnung verstehen – als ein Gegenüber, dem wir uns anvertrauen und vor dem wir mit unserem ganzen Leben da sein dürfen.

So kann christliche Spiritualität als eine Haltung aufmerksamer Offenheit verstanden werden: für das eigene Leben, für die Begegnung mit anderen Menschen, für die Schöpfung und für Gott, der uns in Jesus Christus nahekommt und uns durch seinen Geist begleitet.

Vielleicht beginnt sie genau dort, wo wir für einen Augenblick innehalten und uns berühren lassen – vom Leben, von einem anderen Menschen und von der leisen Frage, ob uns darin mehr begegnet, als wir unmittelbar sehen und begreifen.

Gerade im Älterwerden kann diese Aufmerksamkeit eine besondere Bedeutung gewinnen. Denn sie eröffnet immer einen Raum, in dem Leben und Glauben reifen dürfen. Sie lädt dazu ein, die eigenen Lebens- und Glaubensspuren wahrzunehmen, das Heute anzunehmen, ohne es festhalten zu müssen, und sich dem anzuvertrauen, was noch werden will.

Gemeinsam unterwegs sein – Ein Angebot an Sie!

Manche Wege gehen wir gern allein. Andere werden leichter, wenn wir sie mit jemandem teilen. Vielleicht möchten Sie Ihre Gedanken im Gespräch vertiefen, Fragen des Glaubens bewegen oder Ihrer persönlichen Spiritualität mehr Raum geben. Vielleicht wünschen Sie sich Begegnung mit Menschen, die sich ebenfalls mit ihrem Leben, ihrem Glauben und dem Älterwerden auseinandersetzen.

Gern können Sie mit mir Kontakt aufnehmen, wenn Sie eine geistliche Begleitung wünschen oder Interesse daran haben, eine Gruppe auf diesem Weg zu gründen. Eine solche Gruppe kann sich digital oder in Präsenz treffen. Es braucht nicht immer fertige Antworten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal genügt eine Frage, eine Erfahrung oder die Bereitschaft, ein Stück Weg miteinander zu teilen.

Wenn Sie sich angesprochen fühlen, freue ich mich über Ihre Nachricht.

Ute Aldenhoff

Ute Aldenhoff

Referentin Altenpastoral, Geistliche Begleiterin

Marzellenstraße 32
50668 Köln

Quellen und weiterführende Literatur

  • Rüegger, Heinz: Vom Sinn im hohen Alter. Eine theologische und ethische Auseinandersetzung. 

  • Karrer, Leo: Glaube, der reift. Spiritualität im Alter. Freiburg im Breisgau 2017.

  • Steindl-Rast, David: Orientierung finden. Schlüsselworte für ein erfülltes Leben. 

  • Marti, Kurt: Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze. Stuttgart 2011.

  • Hemmerle, Klaus: „Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral“, in: Zielgruppen. Brennpunkte kirchlichen Lebens. 

  • Teresa von Ávila: Die innere Burg.