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Expressionismus im Kirchenraum:Die Wandmalereien von Anton Wendling in St. Clemens, Bergisch Gladbach-Paffrath

Der hl. Ezechiel, Detailaufnahme
Datum:
1. Mai 2026
Von:
Maren Sieverding
Objekt des Monats - Mai 2026

Wandmalerei
Anton Wendling, Aachen
1928

 

Die Pfarrkirche St. Clemens in Bergisch Gladbach-Paffrath setzt sich aus einer romanischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert und einem ergänzenden neoromanischen Anbau aus dem Jahr 1908 zusammen. Bei diesem Umbau wurde der bereits bestehende Kirchenbau als Seitenschiff in den Neubau integriert. Dabei wurde das ehemalige südliche Seitenschiff abgerissen und der Neubau direkt an das romanische Hauptschiff angebaut. Die bauliche Abgrenzung im Innenraum erfolgt durch die historischen Pfeiler und Säulen. In ihrer Gestaltung sind die beiden Kirchenschiffe klar voneinander getrennt, wozu maßgeblich die Ausmalung des romanischen Kirchenschiffes von 1928 durch den Künstler Anton Wendling beiträgt.

Anton Wendling wurde am 26. September 1891 in Mönchengladbach geboren. Sein künstlerisches Talent wurde früh erkannt und so besuchte er nach der Volksschule die Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. Bereits hier legte Wendling seinen Fokus auf religiöse Motive. Nach seinem Abschluss begann er eine Anstellung im Entwurfsatelier der Werkstätten des Glasmalers Franz Binsfeld in Trier. 1921 entschloss sich der 30-Jährige dazu, ein Studium bei Jan Thorn Prikkler (1868–1932) an der Kunstgewerbeschule in München zu beginnen. Nach einem Studienaufenthalt in Italien und einer Tätigkeit als Assistent des rheinischen Expressionisten Heinrich Nauen (1880-1940) wurde Wendling 1927 von Rudolph Schwarz (1897-1961) zum Leiter der Klasse für Glasmalerei und Mosaik der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Aachen berufen. 

Die Wandmalereien in St. Clemens entstanden ein Jahr nach der seiner Berufung zum Professor im Jahr 1928. Eher akzentuierend als überladend fügt sich die Ausmalung, bestehend aus monumentalen Figuren und Bibelzitaten, außergewöhnlich gut in die Architektur ein. Mit den archaisch anmutenden Monumentalfiguren und der vereinfachten Komposition knüpft sie zudem an die Formensprache der mittelalterlichen Glasmalerei an. Auf weißem Hintergrund malte Wendling Heilige und Propheten und reduzierte ihre Darstellung auf strenge Umrisszeichnungen. Die Farben — Schwarz, Braun und Gold — füllen die Figuren nicht aus, sondern wirken ergänzend und verschärfend. Begleitet werden die Figuren durch Schriftbänder in Goteskschrift. Im Chor befindet sich ein Wächterengel mit einem Schwert in der einen und den Gesetzestafeln in der anderen Hand. Auf der Westwand ist der hl. Christophorus zu sehen. Er trägt das Christuskind auf seiner Schulter. Über den vier Säulen des Raumes sitzen vier Propheten. Sie sind zentral unter dem Blendbogen platziert worden. Dargestellt sind der hl. Ezechiel, der hl. Jeremias, der hl. Isaias und der hl. Daniel. Die Bogenlaibungen selbst sind mit schwarzen Streifen versehen, wodurch sie optisch hervorstechen und zugleich den Übergang zwischen den beiden Kirchenteilen betonen. 

Mittig zwischen den Propheten und in doppelter Größe an den Längswänden des Kirchenraumes befinden sich zwei weitere Figuren: der hl. Sebastian und der hl. Hubertus. Beide Heilige sind mit Waffen ausgestattet: Sebastian mit Schwert und Pfeilen, Hubertus mit Schwert und Armbrust. Warum nicht der hl. Clemens als Kirchenpatron und stattdessen die beiden Patrone der Jagd und des Schießsports dargestellt wurden könnte als Hinweis auf vor Ort ansässige Schützenbruderschaften oder Jagdvereine gelesen werden.

Die Wandmalerei Wendlings ist ein schönes Beispiel für die expressive Malerei der Kriegszwischenjahre. In ihrer Formensprache grenzt sie sich stark vom Historismus ab, dem sich die Kirchenmaler des 19. Jahrhunderts verschrieben hatten. Statt das Motiv dreidimensional und naturgetreu wiederzugeben, verstand es Wendling, Figuren anhand von wenigen präzisen Linien und Formen auf ihr Wesentliches zu reduzieren. Ein Zitat des Autors Lothar Schreyer vermag das Oeuvre Wendlings wohl am Besten zu beschreiben: 

«Wendling[s] Wandmalereien, Fenster, Teppiche, […] — alles erfüllt von geordneter Originalität, strenger lebensvoller Sachlichkeit und äußerster Einfachheit, die nie ohne Anmut ist.»

Die Wandmalereien in St. Clemens zählen zu den Frühwerken des Künstlers. Besonders bekannt ist Wendling jedoch für seine expressionistischen Glasmalereien, die ihn zu einem der bedeutendsten modernen Glasmaler des Rheinlands machten. Die Fenster im romanischen Bau sind im Anschluss an die Ausmalung des Innenraums ebenfalls von ihm verglast worden.  

Literatur/Quellen

Anton Wendling. 1891–1965. Werkauswahl aus dem Nachlaß (Ausstellung vom 27. November 1983 bis 03. Januar 1984, Mönchengladbach, Städtisches Museum Abteiberg) 

Diekamp, Busso: Kirchliche Glasmalerei des 20. Jahrhunderts im Rheinland dargestellt an Beispielen aus dem Werk des Glasmalers Anton Wendling (Bonner Jahrbücher, Bd. 187), Bonn 1987, S. 309-364.

Moumalle, A.: Die Ausmalung der Kirche in Paffrath bei Köln, in: Die Denkmalpflege (Zeitschrift für Denkmalpflege und Heimatschutz), Wien und Berlin 1933, S. 60 f.

Peters, Elisabeth: Kirchliche Wandmalerei im Rheinland 1920–1940. Rheinbach 1996.

Schreyer, Lothar: Anton Wendling, Recklinghausen 1962.

Wierschowski, Myriam (Hg.): Anton Wendling – Facettenreiche Formstrenge (Ausstellung vom 19. September 2009 bis 21. Februar 2010, Linnich, Deutsches Glasmalerei-Museum), Linnich 2009.